Perspektivprozess und Strukturreform in Oldenburg

Interview mit dem Vorsitzenden der Steuerungsgruppe Pfr. Dieter Qualmann

 


Interview


Da sowohl einige Fragen als auch einige Antworten in ein ander übergingen, sind hier für eine bessere Lesbarkeit mehrere Einzelfragen als komplexe Fragen zusammengefasst und das Interview in gekürzter Form dokumentiert.

   

1. Stichwort: Biographie/Pfarramt. Wie kamen Sie dazu, Theologie zu studieren und was waren Ihre Berufsvorstellungen? Haben Kirche und Religion in Ihrer Familie eine Rolle gespielt?

Pfr. Dieter Qualmann,

Vorsitzender der Steuerungsgruppe

Qualmann: „Ich bin in einem unkirchlichen Elternhaus ohne religiöse Sozialisation aufgewachsen. Mein erster Kontakt zur Kirche war die evangelische Jugendarbeit. Insbesondere durch einen Schüler-Bibelkreis in Wilhelmshaven wuchs wohl der Wunsch, Theologie zu studieren. Da ich während der Schulzeit andere Sprachen gelernt hatte, musste ich mir noch alle drei für das Theologiestudium nötigen Sprachen aneignen. 
Ich hatte keine konkreten Berufsvorstellungen und ich studierte auch nicht, um später einmal ein Bäffchen tragen zu dürfen. Mich beschäftigte vor allem die Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit.“

Mich beschäftigte vor allem die Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

 

2. Wie lange sind Sie nun im Pfarramt? Was ist Ihr heutiges Bild vom Pfarramt und hat sich dieses Bild im Laufe der Zeit verändert? Hätten Sie den Pfarrberuf auch ergriffen, wenn Ihnen diese Erfahrungen damals schon bekannt gewesen wären?

Qualmann: „Ich habe 1969 mein erstes Examen gemacht, gehöre also nicht mehr zu den 68'er, denn als die auf den Strassen liefen, habe ich altlutherische Dogmatik für's Examen gepaukt. Ich habe aber die Gründungsjahre der Universität Oldenburg miterlebt und war natürlich auch von den Umbrüchen der Theologie geprägt, wie z.B. der "Theologie der Hoffnung" von Jürgen Moltmann. 

Warum hat es 450 Jahre lang nicht mit dem Priestertum aller Gläubigen geklappt?

Man muss die Kirche nicht lieben - man kann sie vielleicht gar nicht lieben...

aber Sie kommen nicht durch, wenn Sie mit den Menschen nicht klar kommen. 

Die Kirche ist die höchste Sünderin. Ich glaube wir haben die Rechtfertigung weder richtig begriffen noch können wir sie richtig predigen. Das Christentum ist nicht einfach die bessere Religion. Wenn wir etwas wissen, dann von unserer eigenen Vergebungsbedürftigkeit. Warum hat es 450 Jahre nicht mit dem Priestertum aller Gläubigen geklappt? Warum gibt es darüber keine Analyse? Das Evangelische Verständnis kommt nur noch bei den Amtsträgern zum tragen. Aber solange die Pfarrer Beamte sind, gibt es keine Chance für eine richtige Reform. Viele interessieren sich nur für ihren Status und haben keinen gesamtkirlichen Blick...

Man kann heute schon den Klimawandel messen und erkennen, aber solange das Wasser nicht über die Deiche schwappt, ändert sich nichts. Geplante Änderungen kriegt man nicht hin. Eine neue Arbeitsteilung mit Ehrenamtlichen wird erst realisiert, wenn die Arbeitsverträge der Hauptamtlichen geändert werden.“

  

3. Stichwort Bildung (7. Leuchtfeuer im EKD-Impulspapier):

Sie sind heute für die Ev. Akademie / im Bereich Bildungsarbeit tätig: Was reizt Sie an dieser Arbeit? Welche Erfahrungen haben sich dadurch ergeben? Welche Chance hat evang. Bildung in der Gesellschaft Menschen zu erreichen?

Qualmann „Ich predige sehr gerne und häufig, aber an der Gemeindearbeit finde ich schwierig, dass die Bildungsarbeit dort kaum relevant ist. Für mich war die Gestaltung von Religionsunterricht sehr wichtig und ich engagiere mich politisch, bin aber nicht Mitglied einer Partei oder Gewerkschaft. Mein Lebensthema ist eine öffentlich relevante Kirche. Die Bildungsarbeit bietet die Chance zum Dialog mit verschiedenen Menschen. Dabei ist es wichtig, die Selbstbestimmung der Menschen in ihrem Kontakt zur Kirche erntzunehmen. Viele Menschen erwarten von der Kirche Impulse für ihr Leben.
Die Ausbildung von Ehrenamtlichen war mir schon immer wichtig, z.B. als Generalsekretär der evang. Schülerarbeit und als Vorsitzenden des Theologischen Ausschuss der aej (Arbeitsgemeinschaft Ev. Jugend). 

Mein Lebensthema ist eine öffentlich relevante Kirche

Durch diese Tätigkeiten ergaben sich natürlich auch Kontakte, die nun dienlich sein können, z.B. Gastreferenten für die Akademiearbeit zu finden... Für die gesellschaftliche Rolle der Kirche ist es wichtig zu erkennen, dass die Kirche ein Spiegelbild der Gesellschaft mit all ihren Schwächen ist.“ 

   

4. Sie sind Mitglied in der Synode. Sie waren schon an mehreren Leitbild- und Reformprozessen beteiligt (z.B. das Gelbe Papier '98). Was reizt Sie an diesem Engagement und was ist Ihre Motivation für diese Tätigkeit?

Qualmann: „Mein Interesse an der Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit führte mich zu diesem Engagement. Ich finde es schlimm, wie in der Kirche mit den Schwachen umgegangen wird, da werde ich leicht empfindlich. Und die Synode hat die Möglichkeit etwas zu ändern. Die Armutsdenkschrift der EKD halte ich für einen wichtigen Beitrag, denn wenn sich Kirche nicht mehr für die Schwachen einsetzt, ist sie nicht mehr die Kirche Jesu Christi.“

   

5. Sie sind ja Vorsitzender der Steuerungsgruppe. Rückblickend aus einem zeitlichen Abstand heraus, wie bewerten Sie heute das "Ende" der Perspektivgruppe und des grünen Papiers? Gibt es inhaltliche Punkte, die übernommen werden konnten oder sollten?

Qualmann: „Das grüne Papier hat eine ganze Reihe guter Impulse. Aber es hatte das Problem, dass es keine Instrumente enthielt, wie sie umgesetzt werden sollten. Durch das grüne Papier wurde jedoch die Einsicht zu Reformen verstärkt.

Das grüne Papier enthielt gute Impulse

Ein Großteil der Impulse aus dem grünen Papier ist weiter verfolgt worden. Ein Problem war auch die Zusammensetzung der Perspektivgruppe: 4 Synodale und 4 Oberkirchenräte, dies war keine entscheidungsfreudige Mischung.“

   

6. Den Tendenzbeschlüssen und vor allem den Beschlussvorlagen vom Mai diesen Jahres wurden z.T. mit einer deutlicheren Mehrheit zugestimmt als von der Steuerungsgruppe als solide Bestätigung erbeten worden war. Sehen Sie darin vornehmlich eine Bestätigung, dass die Steuerungsgruppe die Reformnotwendigkeit besser vermitteln konnte als ihre Vorgängergruppe - oder war es vornehmlich die Einsicht der Synode, dass nach langen Diskussions-Prozessen und -Papieren auch mal konkretere Schritte erfolgen mussten?

Qualmann: „Beides. Ich denke, die Steuerungsgruppe konnte die notwendigen Schritte transparenter darstellen als die Perspektivgruppe. Aber vor allem sieht die 46. Synode ein, dass sie Entscheidungen fällen muss. Sie ist noch bis Ende 2007 im Amt und möchte diesen Diskussionsprozess zum Abschluss bringen. Aber der Finanzdruck spielt sicherlich auch eine große Rolle, ebenso wie eine offensichtliche Alternativlosigkeit.“

   

7. Die Steuerungsgruppe bzw. deren Projektgruppen haben sich mit vielen Betroffenen und beteiligten Gruppen getroffen? Waren diese Treffen fruchtbar? Konnten Sie viele neue Impulse herausziehen? 

Qualmann: “Die Treffen und die Partizipation sind von großer Bedeutung. Die Steuerungs- gruppe geht behutsam vor, hat mit Haupt- amtlichen und Betroffenen gesprochen. 

Partizipation ist von großer Bedeutung

Im wichtigen Bereich der Jugendarbeit werden z.B. von Seiten der Landeskirche 40 Stellen garantiert, was andere Landeskirchen für ihre Mitarbeiter noch nicht zugesagt haben. Im Vergleich zu anderen Kirchen sind wir relativ weit, aber ob dies angesichts der Prognosen aus dem EKD-Impulspapier ausreicht, ist eine andere Frage... In Oldenburg arbeiten wir weitestgehend "geräuschlos", dass heißt Synode und Oberkirchenrat sind vorher beteiligt, bevor Beschluss- empfehlungen formuliert werden. Damit ergibt sich ein Miteinander und kein unnötiges Gegeneinander wie in anderen Kirchen... Die Treffen dienten aber nicht nur zur Beruhigung, sondern die Diskussionen und die Beteiligung der Betroffenen war gewollt. Deshalb werden die Beschlussvorlagen auch verändert werden müssen.“

   

8. Haben Sie den Eindruck, dass die Notwendigkeit von Reformen bei allen transparent genug kommuniziert wurde, oder hätte man die Notwendigkeit besser "verkaufen" müssen? Konnten Sie alle Beteiligten auf dem Reformweg mitnehmen? Hätten Sie sich mehr Zeit für eine intensivere Aufarbeitung gewünscht?

Qualmann: „Leider konnten noch nicht ausreichend Leute mitgenommen werden. Das Priestertum aller Glaubenden ist gefragt, aber eine Partizipationskultur ist noch nicht vorhanden, dabei muss eine Kirche nicht zwangsläufig durch Hauptamtliche geleitet werden. Wir müssen uns auf den Weg von einer Amtskirche zu einer Beteiligungskirche machen. Beteiligung der Ehrenamtlichen darf dabei nicht nur Beteiligung an der Arbeit heißen, sondern muss auch Beteiligung an Entscheidungen gewährleisten können... Was den Zeitrahmen angeht, so sind wir noch im ursprünglich gesetzten Zeitplan, und die Steuerungsgruppe ist ja für diese Arbeit bis Ende 2006 eingesetzt worden. Die ganzen Treffen waren natürlich auch zeitintensiv - und Sie müssen bedenken, dass die Mitglieder der Steuerungs- und Projektgruppen dies alles ehren- und nebenamtlich geleistet haben. Aber auf diese Weise waren wir auch an vielen Fragen näher dran, als es so manche externen Unternehmensberater gewesen wären, auch wenn wir an einigen Stellen sicherlich ein Stück weit betriebsblind sind. Und was meine Person angeht, so hege ich keine großen beruflichen Ambitionen mehr, dies ermöglicht ein großes Maß an Freiheit.

Ich bin allenfalls ein Lobbyist für Veränderungen

Das ist für unsere Arbeit sicherlich von Vorteil gewesen. Ich bin allenfalls ein Lobbyist für Veränderungen...
In den letzten Wochen ist dies im Vorfeld der Novembersynode natürlich schwieriger geworden... [Auf dem Tisch türmt sich ein Haufen von Schreiben] Dies sind alles Stellungnahmen zur Verwaltungsreform. Viele befürchten die Reduzierung ihrer eigenen Machtbefugnisse und das trifft Emfindlichkeiten, selbst aus offiziellen Stellungnahmen von Kirchengemeinden muss man scharfe Worte und persönliche Beleidigungen ertragen. Dass ist natürlich auch ärgerlich und bedauerlich, aber damit muss man wohl leben können. Natürlich hat die Kirche eine vernüftige Fürsorgepflicht! Aber in manchen Reaktionen spiegelt sich geradezu ein übergroßes, kindliches Versorgungsdenken wider. Man kann in heutigen Zeiten eben keine Beschäftigungsgarantien von über 20 Jahren mehr geben, dass können nebenbei gesagt auch die Bahn und andere nicht mehr. Und wenn kirchenleitende Menschen durch die Lande ziehen und sagen, man brauche keine Kirchen und Gemeinden zu schließen, dann ist dies aus meiner Sicht unverantwortlich...
Die Steuerungsgruppe beschäftigt sich auch mit einem Aufgabenplan für Gemeindedienst. Aber der Parochialegoismus ["Kirchturmdenken"] ist die Zukunftsgefährdung der Kirche schlechthin. 

Parochialegoismus ist die Zukunftsgefährung der Kirche

Im Oldenburgischen gib es 41 Gemeinden unter 1000 Mitglieder, dies macht Forderungen nach mehr Autonomie für die Gemeinden problematisch, denn diese könnten sich eine eigene Pfarrstelle gar nicht leisten. De facto finanzieren doch reiche Gemeinden mit hohem Steueraufkommen andere Gemeinden mit... Dabei muss man im Auge behalten, dass die Kirche kein Unternehmen ist, das nur aufgaben- & zielorientiert arbeiten kann. Deshalb kritisiere ich auch das wirtschaftliche Denken des EKD-Impulspapieres mit Taufquoten etc. Wie sollen Sie denn einfach die Gottesdienstbesuchsquote erhöhen? Wir können nicht wie bei VW eine Produkstionssteigerung von so und so viel Prozent beschließen... Marketingfirmen sagen uns, es sei kein Problem, kirchliche Angebote zu verkaufen und zu vermarkten, sie mahnen uns aber: "Ihr müsst erstmal wissen, was Ihr denn anbieten wollt!" ... Die pluralistische Inhaltsdefinition im Evangelischen schlägt spätestens bei der Zieldefinition zu. Wir müssen lernen, den Pluralismus im evangelischen Raum zu akzeptieren und daraus positiv eine Angebotspalette zu gestalten. Sonntags um 10 Uhr an acht Stellen in einer Stadt mit je 20 Besuchern einen Gottesdienst abzuhalten ist sowohl theologisch als auch betriebswirtschaftlich Schwachsinn, und es macht den wenigen Beteiligten auf diese Weise auch keinen Spass.“ 

  

9. Sie sagen ja häufiger: "Die Zeit des Leitbildmalens ist vorbei." Meinen Sie, wir brauchen gar kein Leitbild oder möchten Sie damit ausdrücken, wir sollten nicht länger nur über Leitbilder diskutieren & streiten, sondern auch mal einem Leitbild folgen...? Und worin sehen Sie das Leitbild - oder anders gefragt: "Bis 2010 12,5 Mio € einsparen" - reicht dies als vorrangiges Leitbild oder brauchen / haben wir eine größere Vision, der wir folgen (können)?

Qualmann: „Natürlich brauchen wir ein Leibild. Aber jetzt ist die Zeit, Leibilder zu operationalisieren, sonst sind sie nur ideologische Ausreden. Ein Profil darf man nicht nur in Hochglanzpapieren, sondern man muss es vor allem in der

Jetzt ist die Zeit, Leitbilder zu operationalisieren

Wirklichkeit finden. Die Kundenfreundlichkeit eines Krankenhauses beispielsweise messe ich selbst ja auch nicht an Hand des
Hochglanzprospektes auf meinem Nachttisch, sondern wie sich die Mitarbeiter der Nachtschicht benehmen... Aber wir müssen natürlich auch unsere eigene Arbeit messen und bewerten, deshalb hat die Steuerungsgruppe ein Controllingverfahren eingesetzt, ob die Einsparziele auch erreicht werden. Die 12,5 Mio Euro sind dabei die ursprüngliche Zieldefinition, aber wir werden aus personalrechtlichen Gründen bis 2010 nur etwa 10 Mio Euro einsparen können. Die Summe einzusparen ist jedoch keine Kirchenreform, auch der Strukturprozess ist in diesem Sinne keine Kirchenreform. Aber wir bemühen uns um eine zukünftsfähige Struktur der Kirche. Um auf Ihre Frage aus Ihrem Leserbrief einzugehen: Es geht um eine Kirchenstruktur, die auch nach 2011 als Grundlage noch brauchbar ist. Gerade eine Verwaltungsstruktur braucht auch Kontinuität und kann nicht alle paar Jahre über Kopf geworfen werden. Aber man kann nicht ein Haus bauen, wenn man weiß, dass der Grund wegsacken wird... Schon im Vorwort zum Gelben Papier (1998) haben wir festgehalten, dass die Kirche eine Auftragsgemeinschaft, d.h. kein Selbstzweck ist. Ihre äußere Gestalt ist dabei nicht vorgegeben, sondern sie ist historisch gewachsen und gesellschaftlich variabel. 
Aber sie muss dem Wesen ihres Auftrages entsprechen. Ein Problem ist sicher die Abhängigkeit von den Finanzen.

Die Kirche ist eine Auftagsgemeinschaft, d.h. kein Selbstzweck

Nur etwa 30% der Kirchenmitglieder zahlen Kirchensteuer, 10% der Mitglieder erbringen dabei 50% des Kirchensteuer- aufkommens. Man kann leicht in Abhängigkeiten geraten, weil niemand gern die Hand beißt, die einen füttert. Insofern wäre eine Finanzierung durch Fundraising auch eine Form von Abhängigkeit... Wir haben in der Kirche hauptsächlich die höheren Gesellschaftsschichten. Und wir haben größtenteils Mitglieder, die nur situativ zu bestimmten Lebenspunkten die Kirche aufsuchen. Wir dürfen uns nicht von Besucherzahlen verführen lassen! Zieldefinitionen wie im EKD-Impulspapier, die Besuchsquote der Gottesdienste zu erhöhen, sind unsinnig, solange sie nicht operationalisiert sind, d.h. gesagt wird, wie - also mit welchen Instrumenten - diese Quotenerhöhung erreicht werden soll.“

   

10. Ein Ziel ist ja die Konzentration auf die Kernaufgaben der Kirche. Und es gibt ja verschiedene oder sich ergänzende "Kataloge" an Kernaufgaben. Mögen Sie verraten, welche Handlungs- und Aufgabenfelder Ihrer persönlichen Meinung nach Kernaufgaben sind?

Die Diskussion um Kernaufgaben führt in die Irre

Qualmann: „Die Diskussion um die Konzentration auf Kernaufgaben führt in die Irre. Auch Kernaufgaben sollten im zeitlichen Umfang reduziert 
werden, so dass Freiräume für neue Wege und neues Ausprobieren entstehen. Dadurch erreichen wir auch mehr Kreativität. Ansonsten wird durch die Pfarrstellenreduzierung auch das Feld der Kernaufgaben enger. Pfarrer wenden 70-80% ihrer Zeit für die Kernaufgaben auf, und in diesen Aufgaben erreichen sie immer wieder einen relativ kleinen Teil ihrer Gemeindeglieder. Und dieser "Inner-Zirkel" bestimmt im Pinzip durch seine Ansprüche, was der Pfarrer tut. Manchmal wollen die restlichen 2000 Leute auch nichts von der Kirche, sondern erwarten den Kontakt nur zu bestimmten Lebensabschnitts- punkten. Im Allgemeinen herrscht die Erwartung, dass jemand da ist, wenn er oder sie wirklich benötigt wird. Unsere Mitglieder bestimmen selbst ihre Nähe und Distanz zur Kirche, damit muss man umgehen lernen. Eine Konzentration auf Kernaufgaben landet schnell bei einem Kanon traditioneller Aufgaben, der möglicherweise gar nicht mehr die gefragten Kernaufgaben umfasst.“

   

11. Mögen Sie eine Schätzung abgeben, wie sich  die 46. Synode im November zur Verwaltungsreform entscheiden wird? Oder hegen Sie vielleicht die Befürchtung, dass der Steuerungsgruppe und der Verwaltungsreform ein ähnliches "Ende" ereignen könnte wie dem grünen Papier und der Perspektivgruppe?

Qualmann: “Eine solche Schätzung kann und will ich jetzt aus Respekt gegenüber den Gremien nicht abgeben, ich hoffe, dass ist verständlich. Aber was die Steuerungsgruppe betrifft, diese ist ja bis Ende 2006 im Amt. Es wird sich zeigen, ob eine Mandatsverlängerung nötig sein wird. Denn es geht ja um ein ganzes Packet an Aufgaben, nicht nur um die Verwaltungsreform. Und viele Dinge sind ja auch schon in die Wege geleitet worden...“ 

   

12. Was würde es bedeuten, wenn die 46. Synode die Entscheidung vertagt oder sich mehrheitlich gegen das von der Steuerungsgruppe favorisierte Modell entscheiden würde? Wäre die 46. Synode dann an ihrem eigenen Einsparziel gescheitert? Oder gäbe es noch andere realisierbare Möglichkeiten, annähernd 12,5 Mio Euro einzusparen?

Qualmann: „Nein, ich denke nicht, dass man in diesem Sinne von einem Scheitern sprechen kann. Wir sind in einem Diskussionsprozess, und die Beschlussvorlagen werden sicherlich noch variiert werden müssen. Die EZ hat in diesem Zusammenhang sogar getitelt: "Qualmann: Es ist alles offen." Die Synode wird so oder so eine Entscheidung fällen müssen. Und wenn die Einsparungen nicht durch ein neues Verwaltungsmodell erreicht werden können, dann müssen wir das Geld eben an anderer Stelle sparen. 
Aber es geht ja nicht nur um die Anzahl der Verwaltungsämter, sondern auch um neue kirchen- leitende Gremien, um neue OKR- Strukturen, denn wir können nicht bei

Die Synode wird sich entscheiden müssen

einem Kollegialsystem aus dem 19. Jahrhundert bleiben. Es geht, wie gesagt, nicht nur darum, bis 2010 Geld einzusparen, sondern Strukturen zu schaffen, die die Zukunft der Kirche sicherstellen können. Machtkämpfe sind an diesem Punkt kontraproduktiv, weil sie die Zukunft der gesamten Kirche nicht im Blick haben. Und ein simples "Wegsparen" wie in der kath. Kirche können wir nicht. Denn wir haben zum Glück kein solches hierarchisches System, dass einfach Stellen streichen und Gemeinden zusammenlegen kann. Für mich ist es wichtig, dass man die Notwendigkeit der Beschlussfassungen sieht, und mir geht es um eine Operationalisierbarkeit: Wie und mit welchen Instrumenten wird bis wann welches Ziel erreicht?“ 
13. Der Begriff "Reform" war und ist unterschiedlich "gefüllt" oder besetzt. Die Reformationszeit symbolisiert den Aufbruch zu alten Formen: re-form. In den Anfängen der Kirchentags- bewegung u.ä. standen Reformen für den Aufbruch zu neuen Ufern, neuen Wegen und neuen Perspektiven. Heute - auch in der bundesdeutschen Politik - wird "Reform" allzuhäufig als Synonym für Sparen, Kürzen und Wegrationalisieren gebraucht oder missbraucht. Sehe Sie eine Chance, dass man mittelfristig wieder mit neuen Visionen und Impulsen zu neuen Ufern aufbricht und in eine Zukunft investieren kann, statt nur auf Finanzengpässe reagieren zu müssen? Oder sparen wir, "bis der Bischof als letzter das Licht aus macht?"

Reformunwilligkeit ist ein speziell deutsches Problem

Qualmann: „Ich denke, die Reformunwilligkeit ist ein speziell deutsches Problem, welches auf die Kirche übertragen werden kann.
In einer unübersichtlicher werdenen Gesellschaft werden viele Dinge unsicher. Und einige hoffen, in der Kirche möge alles so bleiben wie es ist. Die Kirche wird zum Ort des konservativen Beharrens und der Veränderungsmüden. Aber dies kann man nicht verübeln. Nachdem der Supermarkt und die Post schon weggezogen sind, hoffen viele, dass wenigstens noch "die Kirche im Dorf" bleibt. Dabei ist die Kirche kein dauerhaft reformwilliger Ort. Es gab viele Aufbrüche - gerade in sozialen und ökologischen Fragen - aber in der Kirche fehlte der Raum für eine solche Diskussionskultur, und auch synodale Strukturen sind eher konservativ behaftet. Deswegen sind viele dieser Aufbrüche in sog. Bürgerbewegungen ausgewandert, weil die Kirche in diesen Fragen zu unbeweglich war und ist... 
Aber um auf Ihr Thema mit dem Impulspapier einzugehen: "Wachsen gegen den Trend" halte ich sowohl sprachlich als auch logisch für unsinnig. Denn was soll das heißen?

Die Kirche war in vielen Fragen zu unbeweglich

Was kann oder soll die Kirche denn aktiv gegen den demographischen Wandel tun? Ich halte den Symbolismus mit 12 Leuchtfeuern und 12 Kirchen für abenteuerlich; das Impulspapier versucht gute Laune im Hinblick auf die schlechten Prognosen zu verbreiten. Dabei weiß jeder, der an der Küste lebt, dass Leuchtfeuer ebenso auf Untiefen hinweisen, wie sie Orientierung geben. Aber vermutlich mochten die Schreiber nicht nur harte wirtschaftliche Fakten formulieren.“

  

14. In dem Impulspapier der EKD wird neben den brennenden Themen wie der demographische Faktor und den daraus resultierenden Problemlagen auch andere Reformanstösse gegeben. Gerade die Reaktionen aus den Kirchenleitungen und in der Medienlandschaft reduzieren sich meist auf die umstrittene Anzahl der Landeskirchen, die eigentlich eher ein "Nebenpunkt" im Impulspapier ist. Einmal konkret nachgefragt: Es gibt den Vorschlag, die Zahl der Landeskirchen auf 8-12 zu reduzieren, Bischof Weber (Braunschweig) möchte die Konföderation gestärkt sehen und im Frühjahr gab es Verhandlungen zwischen Oldenburg und Hannover, die - je nachdem wie man es sieht - gescheitert oder nicht gescheitert sind: Ist die 47. Synode die letzte Oldenburger Synode?

Qualmann: „Der damalige Vorsitzende der kath. Glaubenskongregation, als er noch Josef Ratzinger hieß, hatte einmal die sehr interessante Frage an die evangelischen Gesprächspartner in den Raum geworfen: Was ist das für eine Kirche, die sich durch die Grenzen des Reichsdeputations- hauptschlusses definiert. Im evangelischen Raum gibt es Kirchen, deren Fürstentümer seit 200 Jahren tot sind... Aber eine Zusammenführung von Kirchen führt oft nur zu Doppelstrukturen, wie wir sie in Nordelbien sehen, die seither drei Bischofsitze in einer gemeinsamen Landeskirche hatten. Bevor man sich also die Mühe um Fusionen macht, sollte man ausloten, was wir in der Konföderation noch besser zusammentun können. Aber eines dürfte auch klar sein: Ob die Landeskirche nun Oldenburg heißt oder ganz Niedersachsen - oder vielleicht auch noch Bremen - umfassen kann, ist für die Gemeinden, die Kindergärten und anderen Einrichtungen vor Ort kaum bis gar nicht relevant und noch weniger von Interesse. Es zeigt sich ja an vielen Stellen, dass die Gemeinden kein Interesse an landeskirchlichen Themen haben. 80% der Oldenburger wissen gar nicht, in welcher Kirchengemeinde sie sind. Sie wissen nur, dass sie evangelisch sind... 

Wie die Landeskirche heißt, ist für die Gemeinden kaum von Relevanz

Eine enge Zusammenarbeit in der Konförderation ergibt sich dort, wo sich eine Notwendigkeit auftat, z.B. in der Vikarsausbildung auf Grund der geringen Zahlen. 
In anderen Dingen werden Vereinheitlichungen angestrebt, die sinnvoller Weise auf der Ebene der EKD erfolgen, z.B. im Rechtsinsitut der EKD. Die Behandlung des Themas "Landeskirche Oldenburg" spiegelt eine Insider-Mentalität 
wider. Wir brauchen eine Kirche, die aufgabenorientiert und nicht besitzstands- orientiert ist.“ 

Wir brauchen eine Kirche, die nicht besitzstands- orientiert ist

 

15. Letzte Frage: Angenommen, die Synode verspräche Ihnen, genau einen Wunsch diskussionslos zu erfüllen: Was würden Sie sich für die Kirche im Oldenburger Landes wünschen? Was sollte für eine künftige Kirche signifikant sein oder wie sieht Ihr Traum von Kirche aus?

Qualmann: „Ich würde keinen Wunsch gegenüber der Synode äußern, weil dann das Missverständnis aufkommen würde: Die Synode sei eine Elfe wie im Märchen. Kirche ist nichts anderes als eine Auftragsgemeinschaft in einer Übergangszeit. Notwendig ist sie nur dann, wenn sie ihrem Auftrag entspricht. 

Kirche ist nur notwendig, wenn sie Entsprechungen zu ihrem Auftrag hat

Ansonsten wäre sie überflüssig, denn wir sind kein religiöser Karnickelzüchterverein.

Und in diesem Punkt sehe ich auch das Impulspapier der EKD - "Kirche der Freiheit" - skeptisch. Denn danach hätte die Westkurve bei Borussia Dortmund mehr Gemeinschaftsstiftendes als die Kirche. Die Kirche muss inhaltlich was zu Religion sagen und nicht nur in Events Gefühle erzeugen können.“

    

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Stefan Bölts

 

Interview mit Pfarrer Dieter Qualmann, 

Vorsitzender der Steuerungsgruppe, 

vom 2. Okt 2006 in Oldenburg.






         

   
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