|
Auch
„Erfahrungen“ aus anderen Bereichen wie den kommunalen
(Verwaltungs-)Reformen oder der freien Wirtschaft finden
offenbar nur begrenzt die Aufmerksamkeit.
Im
Machtgefüge verfasster Kirchen ticken die Uhren eben anders.
Darf es da einen verwundern, dass die Strukturdebatten und Kürzungen
in mancherlei kirchlichen Kernaufgaben scheinbar ohne weitere
große Diskussionen auf der letzten Synodentagung
„durchgewunken“ wurden, während „das heiße Eisen“
Verwaltungsreform vorsorglich auf der nun anstehenden
Novembertagung zu behandeln ist? Dies mag so sein, weil in der
Verwaltung mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen als
beispielsweise in der „Zukunfts-Ressource“ Jugendarbeit.
Andererseits legt sich aber auch die Befürchtung nahe, dass es
wiederum nur um die „Machtspielchen der Kirchenkreise“ geht,
wie der Vorsitzende der Steuerungsgruppe deshäufigen beklagte.
Ich persönlich denke zwar, dass langfristig die Arbeitsplätze
eine höhere Überlebenschance hätten, wenn sie in eine Art
„Kirchen Service GmbH“ ausgelagert werden würden, wie es
schon in den meisten diakonischen Werken erfolgt ist. Eine
solche Gesellschaft könnte dann nach eigenen und ökonomisch
durchdachten Kriterien festlegen, wo und wieviele Ämter oder Außenstellen
es bedarf. Aber wenn nun drei Modelle quasi auf den Cent genau
ausgerechnet wurden, darf man einmal mehr darauf vertrauen, dass
die Synode weiß, was sie da tut.
Um
einer allzupessimischtischer Haltung vorzubeugen sei an dieser
Stelle aber darauf hingewiesen, dass die Steuerungsgruppe die
Oldenburgische Kirche bisher recht erfolgreich auf Reformkurs
gebracht hat. Die bisher im Rahmen der studentischen Kampagne
„Du-bist-Oldenburg.NET“ u.a. auf dem diesjährigen
Landesjugentreffen erhobenen Umfragedaten sind zwar noch nicht
komplett ausgewertet, dennoch zeichnet sich die „Tendenz“
ab, dass die jetzige Truppe die Notwendigkeit der Reformen
deutlich besser „verkaufen“ konnte, als beispielsweise die
vorherige. Schon der Blick auf die (alte) bundesdeutsche Agenda
2010 verrät, dass ein Reformvorhaben nicht nur am inhaltlichen
Konzept scheitern kann, sondern vorallem auch daran, ob es denn
genügend transparent vermittelt wurde und somit von allen
getragen wird. Angesichts des bisherigen Verlaufs wage ich
einmal die Prognose, dass die jetzige Steuerungsgruppe tatsächlich
auch das Ziel erreicht und Oldenburg bis 2010 die 12,5 Millionen
einsparen kann. Da hingegen finde ich es eher beunruhigend, dass
sich bisher niemand so recht dafür zuständig fühlt, wie es
sich denn mit 2011 und den darauffolgenden Jahren verhält.
Eines dürfte auf jeden Fall schon längst klar sein: Die
finanziellen Ressourcen werden noch knapper ausfallen.
Mir
kommt dabei der Vergleich mit den (tages)politische Diskussionen
um das Mandat der UNIFIL-Truppen im Südlibanon und ich frage
mich, ob die Synode nicht eine Truppe mit einem robusteren
Mandat hätte einsetzten sollen. Die Steuerungsgruppe hat viel
„beobachtet“, viel „berichtet“ und viele „Vorschläge“
gemacht. Und schaut man sich die tragische Geschichte
oldenburgischer Perspektivprozesse an, so ist es schon
erstaunlich, wie sehr die Synode nun endlich den notwendigen
Schritten auch Folge leistet. Doch dies wird am Ende mit
Sicherheit nicht ausreichen.
|

Im
Mai 2006 gab die Synode grünes Licht für die
Kirchenkreisreform
|
Dass
die Synode nun die Millenium-Edition überspringt und gleich von
„Kirchenkreis 98“ (das Jahr des gelben Papiers) auf
„Kirchenkreis XP“ aufrüsten will, mag ein Schritt in die
richtige Richtung sein, aber ich bezweifle, ob es wirklich den
„großen Wurf“ darstellt. Jeder, der sich mit
Betriebssystemen einigermaßen auskennt weiß, dass am Ende die
Edition der Software kaum eine Rolle spielt, wenn sie mit der
zukünftigen Hardware nicht mehr kompatibel ist. |
Auch im
Oldenburgischen wird man sich damit anfreunden müssen, dass die
historische Ausnahme der Wohlstandskirchen vorüber ist. Eine
derart hohe Pro-Kopf-Versorgung von Pfarrstellen hat es selbst
in den frommsten Zeiten des Mittelalters nicht gegeben und wird
es in absehbarer Zeit auch nicht wieder geben können. So
mancher mag es (mancherorts vielleicht zurecht) so
interepretieren, dass nun auch endlich das Priestertum aller
Getauften an die Stelle des Papsttum vieler Talare treten kann.
Aber im Kern dieses Bildes der Amts- oder „Pastorenkirche“
liegt auch die Wurzel des Problems.
| Durch ein schiefgeratenes
Amtsbild werden die „Berufs-Christen“ meist unfreiwillig in
eine Rolle gedrängt, die für die Gemeinden (und deren Kirchenräte)
sicherlich sehr bequem ist, mittelfristig aber zum Absturz des
bisherigen Betriebssystems führen muss. |

Gilt
dies auch für die Kirche?
|
 |
Schon jetzt klagen
viele Pastorinnen und Pastoren, dass sie ihre Zeit lieber für
Krankenbesuche oder die Predigtvorbereitung aufwenden würden,
anstatt sie als „eierlegenede Wollmilchsau“ auch noch in
(fachfremden) Bauausschüssen oder ähnlichen Gremien
totzusitzen. Schon jetzt zeigt sich, dass Gemeinden nun einmal
eine rund um die Uhr Versorgung beanspruchen und eine Pfarrerin
nicht nach der Hälfte des Trauergesprächs sagen kann:
„Sorry, aber meine 50% sind jetzt um.“ Und schon jetzt
zeichnet sich deutlich ab, dass die „Kirche von morgen“ mit
deutlich weniger hauptamtlichen Personal auskommen muss:
 |
Die
viel umreimte Säkularisierung und das katastrophale
Personalmanagement vornehmlich größere protestantischer
Landeskirchen (einschließlich der Frage, ob in einer
synodal-presbyterial geprägten Kirche überhaupt Personal- |
entwicklung
sinnvoll stattfinden kann) hat schon jetzt
dafür gesorgt, dass die Theologiestudierende an deutschen
Universitäten zur aussterbenen „Gattung“ gehören (aber
dieses Thema ist ein eigener Artikel wert). Mehr oder weniger
kurzsichtiger Stellenabbau (gegen den Rat mancher
Wirtschaftsexperten) und der omnipräsente „Demographische
Faktor“ werden ihren Teil hinzutun. Wenn die Schließung von
Grund- und weiterbildenden Schulen schon jetzt Themen für die
tagessschau bieten, mag man einen Rückgang von
Lehramtsstudierenden statistisch rechtfertigen können. Wenn
sich Deutschland nach Florida zum neuen Renterparadies
entwickelt, stellt dies für das künftige Pfarramt aber enorme
Herausforderungen dar: Sicherlich sollte jede und jeder den
wohlverdienten Lebensabend genießen dürfen. Wenn aber auch in
Zukunft bei jedem Kaffeekränzchen eines Seniorenkreises die
Anwesenheit der Pfarrerin und des Diakons erwartet wird, ist der
Betriebsabsturz geradezu vorherprogrammiert und das Budget für
Supervisionen und Burn-out-Rehabilitationen könnte die übriggebliebenen
Personlakosten überspitzt formuliert noch übertrumpfen.
Es
bearf dringend einem Mentalitätswechsel in der „Kirche der
Parochien“. Die „Kirche der Ehrenamtlichen“ darf nicht länger
eine leere Worthülse bleiben. Um die künftigen Kernaufgaben
kirchlichen Handelns flächendeckend zu managen, werden sich
wesentlich mehr Ehrenamtliche verbindlich engagieren müssen.
Aber dies stellt auch gewaltige Chancen dar: Mehr Verantwortung
heißt auch mehr Entscheidungs- und Mitgestaltungsbefugnisse für
Ehrenamtliche. Mehr Fortbildung und Schulung von Ehrenamtlichen
würde zusätzliche Potentiale in der Kirche offenlegen. Mehr Förderung
und Forderung von Eigeninitiative führt zu mehr Kreativität
und Innovation in den alten Gemäuern. Aber hierzu bedarf es
eben einer Truppe mit einem robusten Mandat. Hierzu bedarf es
den geschlossenen Willen der Synode, auch die alten Machtgefüge
und die historisch gewachsenen Gewohnheiten einer aussterbenen
Wohlstandskirche zu „entwaffnen“ und den Weg für eine
zukunftsfähige Struktur zu ebnen. Ich spare es hier nun näher
darauf einzugehen, zumal an dieser Stelle der Vergleich mit dem
Südlibanon an seine Grenzen stösst: Denn bei allen
Vorurteilen, die es hier und dort (meist zu Unrecht) gegenüber
kirchlichen Organen und Repräsentanten gibt, eine mit der
Hisbollah auch nur annähernd vergleichbare Struktur haben wir
Gott sei Dank nicht. Dennoch wird sich das Bild der
Oldenburgischen Kirche drastisch verändern müssen und jeder
hat vermutlich schon seine eigene Vorstellung, wo eine
„Entmachtung“ überholter Gewohnheiten als erstes anzusetzen
sein mag (aber es hat noch nie geschadet, zunächst vor der
eigenen Tür zu kehren).
Dennoch
wird auch der Aufbruch ins Neue ein schmerzhafter Weg sein. In
ihren Ausführungen über eine gastfreundliche Kirche weiß die
Marburger Universitätsprofessorin Ulrike Wagner-Rau um die
unterschiedlichsten Abwehrhaltungen, die sich bewusst oder
unbewusst aus Ängsten und Verunsicherungen durch rückgängige
Mitgliedzahlen erwachsen. Wenn heute „das Geld fehlt, müssen
Arbeitsplätze eingespart [... und] Arbeitsbereiche abgebaut
werden. [Aber] das geschieht nicht, weil dort schlecht
gearbeitet worden wäre oder diese Arbeitsbereiche nutzlos wären...“
Diese Trauerarbeit braucht seine Aufmerksamkeit und
Aufarbeitung, ebenso wie die Vermittlung neuer Reformvorhaben
die nötige Transparenz und ausreichend Reaktions- und Feedbackmöglichkeiten
bedürfen. Mit unserer Internetplattform
www.kirche-von-morgen.de
können und wollen wir gern einen kleinen Beitrag dazu leisten,
aber schlussendlich braucht eine Kirche der Zukunft „unsere
gemeinsame Kraftanstrengung.“ Die jetzige 46. Synode hat ihrer
Nachfolgerin ja bereits die „Hausaufgabe“ mitgeben, sich dem
Thema Ehrenamt und Leitlinien mit der Arbeit desselben
intensiver zu befassen. Und so dürfen wir gespannt sein,
sicherlich auf den nötigen Beistand des Heiligen Geistes hoffen
und im gemeinsamen Gebet um mehr „Mut zur Reform“ für uns
alle bitten: Mitmachen. Mitreden. Mitgestalten. Das ist nicht
einfach „nur ein Slogan“ in unserer Kampagne: Es wird auf
uns alle drauf ankommen, denn auch „Du bist Oldenburg!“
Stefan
Bölts, Theologiestudent |