Perspektivprozess und Strukturreform in Oldenburg

Perspektivprozess  

und Verwaltungsreform

 in der Ev.-luth. Kirche in Oldenburg

 


Leserbriefe


Aus Schmerzen wird man klug

- oder eine Frage nach dem Mandat

   

(Hier finden Sie die ungekürzte Fassung. Der in der EZ veröffentlichte Leserbrief musste aus Platzgründen gekürzt werden - aber selbst große Namen wie Karl Barth mussten am Ende ihres Wirkens selbstkritisch eingestehen, dass sich Theologen wohl nie kurzfassen werden können ;-)

   

„Erst wenn das Kind die Herdplatte berührt hat, wird es lernen ... und somit den eigenen Erfahrungshorizont auf künftige Gefahrenpotentiale projezieren können“, so lautet ein akademisches Statement aus dem Fachgebiet der Erziehungswissenschaften. Der Clou an der Sache ist aber auch, dass jenes Kind danach sicherlich seine Geschwister davor abhalten wird, ebenfalls die rotglühende Platte einmal anzufassen. Warum aber in Zeiten knapper werdener Kassen und allgemeinem Mitgliederschwund jede Gliedkirche der EKD sich erst selbst die Hände verbrennen muss, ist hingegen kein Gegenstand der Pädagogik, sondern wäre wohl eher den paranormalen Grenzwissenschaften von „Akte X“ zuzuordnen. 

Stefan Bölts

Und so werden hier und dort immer neue Reformen und Reförmchen ausprobiert – die von der EKD unterstützte Sammlung von Erfahrungen „der Anderen“ findet derweil kaum Beachtung, denn das Rad immer wieder neu zu erfinden lässt sich lokal viel besser als Innovation verkaufen und dient zugleich als Deckmantel für die eigenen Lücken, die andere Reformansätze am eigenen Konstrukt aufzeigen würden. 

Auch „Erfahrungen“ aus anderen Bereichen wie den kommunalen (Verwaltungs-)Reformen oder der freien Wirtschaft finden offenbar nur begrenzt die Aufmerksamkeit.

  

Im Machtgefüge verfasster Kirchen ticken die Uhren eben anders. Darf es da einen verwundern, dass die Strukturdebatten und Kürzungen in mancherlei kirchlichen Kernaufgaben scheinbar ohne weitere große Diskussionen auf der letzten Synodentagung „durchgewunken“ wurden, während „das heiße Eisen“ Verwaltungsreform vorsorglich auf der nun anstehenden Novembertagung zu behandeln ist? Dies mag so sein, weil in der Verwaltung mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen als beispielsweise in der „Zukunfts-Ressource“ Jugendarbeit. Andererseits legt sich aber auch die Befürchtung nahe, dass es wiederum nur um die „Machtspielchen der Kirchenkreise“ geht, wie der Vorsitzende der Steuerungsgruppe deshäufigen beklagte. Ich persönlich denke zwar, dass langfristig die Arbeitsplätze eine höhere Überlebenschance hätten, wenn sie in eine Art „Kirchen Service GmbH“ ausgelagert werden würden, wie es schon in den meisten diakonischen Werken erfolgt ist. Eine solche Gesellschaft könnte dann nach eigenen und ökonomisch durchdachten Kriterien festlegen, wo und wieviele Ämter oder Außenstellen es bedarf. Aber wenn nun drei Modelle quasi auf den Cent genau ausgerechnet wurden, darf man einmal mehr darauf vertrauen, dass die Synode weiß, was sie da tut.

 

Um einer allzupessimischtischer Haltung vorzubeugen sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass die Steuerungsgruppe die Oldenburgische Kirche bisher recht erfolgreich auf Reformkurs gebracht hat. Die bisher im Rahmen der studentischen Kampagne „Du-bist-Oldenburg.NET“ u.a. auf dem diesjährigen Landesjugentreffen erhobenen Umfragedaten sind zwar noch nicht komplett ausgewertet, dennoch zeichnet sich die „Tendenz“ ab, dass die jetzige Truppe die Notwendigkeit der Reformen deutlich besser „verkaufen“ konnte, als beispielsweise die vorherige. Schon der Blick auf die (alte) bundesdeutsche Agenda 2010 verrät, dass ein Reformvorhaben nicht nur am inhaltlichen Konzept scheitern kann, sondern vorallem auch daran, ob es denn genügend transparent vermittelt wurde und somit von allen getragen wird. Angesichts des bisherigen Verlaufs wage ich einmal die Prognose, dass die jetzige Steuerungsgruppe tatsächlich auch das Ziel erreicht und Oldenburg bis 2010 die 12,5 Millionen einsparen kann. Da hingegen finde ich es eher beunruhigend, dass sich bisher niemand so recht dafür zuständig fühlt, wie es sich denn mit 2011 und den darauffolgenden Jahren verhält. Eines dürfte auf jeden Fall schon längst klar sein: Die finanziellen Ressourcen werden noch knapper ausfallen.

 

Mir kommt dabei der Vergleich mit den (tages)politische Diskussionen um das Mandat der UNIFIL-Truppen im Südlibanon und ich frage mich, ob die Synode nicht eine Truppe mit einem robusteren Mandat hätte einsetzten sollen. Die Steuerungsgruppe hat viel „beobachtet“, viel „berichtet“ und viele „Vorschläge“ gemacht. Und schaut man sich die tragische Geschichte oldenburgischer Perspektivprozesse an, so ist es schon erstaunlich, wie sehr die Synode nun endlich den notwendigen Schritten auch Folge leistet. Doch dies wird am Ende mit Sicherheit nicht ausreichen.

Die Kirchenkreisreform - der große Wurf...?

Im Mai 2006 gab die Synode grünes Licht für die Kirchenkreisreform

Dass die Synode nun die Millenium-Edition überspringt und gleich von „Kirchenkreis 98“ (das Jahr des gelben Papiers) auf „Kirchenkreis XP“ aufrüsten will, mag ein Schritt in die richtige Richtung sein, aber ich bezweifle, ob es wirklich den „großen Wurf“ darstellt. Jeder, der sich mit Betriebssystemen einigermaßen auskennt weiß, dass am Ende die Edition der Software kaum eine Rolle spielt, wenn sie mit der zukünftigen Hardware nicht mehr kompatibel ist. 

Auch im Oldenburgischen wird man sich damit anfreunden müssen, dass die historische Ausnahme der Wohlstandskirchen vorüber ist. Eine derart hohe Pro-Kopf-Versorgung von Pfarrstellen hat es selbst in den frommsten Zeiten des Mittelalters nicht gegeben und wird es in absehbarer Zeit auch nicht wieder geben können. So mancher mag es (mancherorts vielleicht zurecht) so interepretieren, dass nun auch endlich das Priestertum aller Getauften an die Stelle des Papsttum vieler Talare treten kann. Aber im Kern dieses Bildes der Amts- oder „Pastorenkirche“ liegt auch die Wurzel des Problems. 

Durch ein schiefgeratenes Amtsbild werden die „Berufs-Christen“ meist unfreiwillig in eine Rolle gedrängt, die für die Gemeinden (und deren Kirchenräte) sicherlich sehr bequem ist, mittelfristig aber zum Absturz des bisherigen Betriebssystems führen muss. 

kein Aufbruch droht?

Gilt dies auch für die Kirche?

Schon jetzt klagen viele Pastorinnen und Pastoren, dass sie ihre Zeit lieber für Krankenbesuche oder die Predigtvorbereitung aufwenden würden, anstatt sie als „eierlegenede Wollmilchsau“ auch noch in (fachfremden) Bauausschüssen oder ähnlichen Gremien totzusitzen. Schon jetzt zeigt sich, dass Gemeinden nun einmal eine rund um die Uhr Versorgung beanspruchen und eine Pfarrerin nicht nach der Hälfte des Trauergesprächs sagen kann: „Sorry, aber meine 50% sind jetzt um.“ Und schon jetzt zeichnet sich deutlich ab, dass die „Kirche von morgen“ mit deutlich weniger hauptamtlichen Personal auskommen muss: 

Theologiestudierende - vom Aussterben bedroht? Die viel umreimte Säkularisierung und das katastrophale Personalmanagement vornehmlich größere protestantischer Landeskirchen (einschließlich der Frage, ob in einer synodal-presbyterial geprägten Kirche überhaupt Personal-

entwicklung sinnvoll stattfinden kann) hat schon jetzt dafür gesorgt, dass die Theologiestudierende an deutschen Universitäten zur aussterbenen „Gattung“ gehören (aber dieses Thema ist ein eigener Artikel wert). Mehr oder weniger kurzsichtiger Stellenabbau (gegen den Rat mancher Wirtschaftsexperten) und der omnipräsente „Demographische Faktor“ werden ihren Teil hinzutun. Wenn die Schließung von Grund- und weiterbildenden Schulen schon jetzt Themen für die tagessschau bieten, mag man einen Rückgang von Lehramtsstudierenden statistisch rechtfertigen können. Wenn sich Deutschland nach Florida zum neuen Renterparadies entwickelt, stellt dies für das künftige Pfarramt aber enorme Herausforderungen dar: Sicherlich sollte jede und jeder den wohlverdienten Lebensabend genießen dürfen. Wenn aber auch in Zukunft bei jedem Kaffeekränzchen eines Seniorenkreises die Anwesenheit der Pfarrerin und des Diakons erwartet wird, ist der Betriebsabsturz geradezu vorherprogrammiert und das Budget für Supervisionen und Burn-out-Rehabilitationen könnte die übriggebliebenen Personlakosten überspitzt formuliert noch übertrumpfen.

 

Es bearf dringend einem Mentalitätswechsel in der „Kirche der Parochien“. Die „Kirche der Ehrenamtlichen“ darf nicht länger eine leere Worthülse bleiben. Um die künftigen Kernaufgaben kirchlichen Handelns flächendeckend zu managen, werden sich wesentlich mehr Ehrenamtliche verbindlich engagieren müssen. Aber dies stellt auch gewaltige Chancen dar: Mehr Verantwortung heißt auch mehr Entscheidungs- und Mitgestaltungsbefugnisse für Ehrenamtliche. Mehr Fortbildung und Schulung von Ehrenamtlichen würde zusätzliche Potentiale in der Kirche offenlegen. Mehr Förderung und Forderung von Eigeninitiative führt zu mehr Kreativität und Innovation in den alten Gemäuern. Aber hierzu bedarf es eben einer Truppe mit einem robusten Mandat. Hierzu bedarf es den geschlossenen Willen der Synode, auch die alten Machtgefüge und die historisch gewachsenen Gewohnheiten einer aussterbenen Wohlstandskirche zu „entwaffnen“ und den Weg für eine zukunftsfähige Struktur zu ebnen. Ich spare es hier nun näher darauf einzugehen, zumal an dieser Stelle der Vergleich mit dem Südlibanon an seine Grenzen stösst: Denn bei allen Vorurteilen, die es hier und dort (meist zu Unrecht) gegenüber kirchlichen Organen und Repräsentanten gibt, eine mit der Hisbollah auch nur annähernd vergleichbare Struktur haben wir Gott sei Dank nicht. Dennoch wird sich das Bild der Oldenburgischen Kirche drastisch verändern müssen und jeder hat vermutlich schon seine eigene Vorstellung, wo eine „Entmachtung“ überholter Gewohnheiten als erstes anzusetzen sein mag (aber es hat noch nie geschadet, zunächst vor der eigenen Tür zu kehren).

 

Dennoch wird auch der Aufbruch ins Neue ein schmerzhafter Weg sein. In ihren Ausführungen über eine gastfreundliche Kirche weiß die Marburger Universitätsprofessorin Ulrike Wagner-Rau um die unterschiedlichsten Abwehrhaltungen, die sich bewusst oder unbewusst aus Ängsten und Verunsicherungen durch rückgängige Mitgliedzahlen erwachsen. Wenn heute „das Geld fehlt, müssen Arbeitsplätze eingespart [... und] Arbeitsbereiche abgebaut werden. [Aber] das geschieht nicht, weil dort schlecht gearbeitet worden wäre oder diese Arbeitsbereiche nutzlos wären...“ Diese Trauerarbeit braucht seine Aufmerksamkeit und Aufarbeitung, ebenso wie die Vermittlung neuer Reformvorhaben die nötige Transparenz und ausreichend Reaktions- und Feedbackmöglichkeiten bedürfen. Mit unserer Internetplattform www.kirche-von-morgen.de können und wollen wir gern einen kleinen Beitrag dazu leisten, aber schlussendlich braucht eine Kirche der Zukunft „unsere gemeinsame Kraftanstrengung.“ Die jetzige 46. Synode hat ihrer Nachfolgerin ja bereits die „Hausaufgabe“ mitgeben, sich dem Thema Ehrenamt und Leitlinien mit der Arbeit desselben intensiver zu befassen. Und so dürfen wir gespannt sein, sicherlich auf den nötigen Beistand des Heiligen Geistes hoffen und im gemeinsamen Gebet um mehr „Mut zur Reform“ für uns alle bitten: Mitmachen. Mitreden. Mitgestalten. Das ist nicht einfach „nur ein Slogan“ in unserer Kampagne: Es wird auf uns alle drauf ankommen, denn auch „Du bist Oldenburg!“

   

Stefan Bölts, Theologiestudent


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