Kirche und Ehrenamt - Kirche der Ehrenamtlichen ...

Ehrenamt & Gottesdienst

   

Lektoren- & Predikantendienst

      

 


Einander Priester sein

Ehrenamtliche wirken in der evangelischen Kirche als Prediger und Liturgen.

Die protestantische Theologie beruft sich in allen Fragen um Amt und Verkündigung auch auf Luthers Lehre vom Gemeinsamen Priestertum aller getauften und glaubenden Christen in der Kirche. Mit einem demokratischen Prinzip hat das wenig zu tun. Vielmehr geht es um geschwisterlich-missionarische Synergie. Nicht alle können alles zusammen machen und auch kann nicht einer alles alleine machen. Wesentlich ist zunächst die Taufe. Denn mit ihr, so Martin Luther, sind alle freien Christenmenschen schon geweihten Standes. Im Sakrament der Taufe kommt die unverdiente Liebe und Wertschätzung, die Gnade Gottes an den Menschen heran. Unverdient deshalbt, weil der Täufling keine Leistung erbringen musste oder konnte. Heißt es doch in einem bekannten Kirchenlied: Eh wir entscheiden ja oder nein, gilt schon für uns gerettet sein.

Jeder Christ nimmt Teil am Dienst der Verkündigung und Seelsorge. Es bedarf keiner priesterlichen Mittler zu Gott. Alleine die Hingabe und Treue der ganzen mündigen Gemeinde repräsentiert die Vielfalt unterschiedlicher Geistesgaben. Das heißt aber nicht, dass alle Christen auch ins Pfarramt treten müssen. Wer öffentlich predigt, muss einer umfangreichen persönlichen und gemeindlichen Berufung gewiss sein. Es bedarf einer besonderen Bevollmächtigung durch die Kirche. Denn niemand soll in der Kirche predigen, lehren oder die Sakramente darreichen ohne ordnungsgemäße Vollmacht, wie es im grundlegend lutherischen Bekenntnis von Augsburg 1520 feststeht.

Es gibt aber Dienste in unseren Landeskirchen, die neben dem Pfarrdienst an einem Amt der öffentlichen Verkündigung gleichwertig mitwirken. Man spricht von Lektoren und Prädikanten. Ihr Dienst geschieht im Kontext persönlicher Lebenserfahrung aus Beruf und Familie. Sie bringen damit neue theologische und religiöse Akzente ein. Ihr Dienst versteht sich zwischen Alltag und Auftrag. Sie sind im besten Sinne Grenzgänger.

Selbstverständnis und Form des Lektoren-Dienstes sind recht unterschiedlich von regionalen Regelungen und Traditionen abhängig. In allen Landeskirchen gehört jedoch das Vortragen der biblischen Lesungen und Vorbeten zur Aufgabe eines Lektors im Gottesdienst. Dazu wird er oder sie in einem Kursus entsprechend ausgebildet. Vielerorts sind auch andere liturgische Handlungen sowie das Halten von Lesepredigten möglich. Auch in der röm.-kath. Kirche gibt es das Lektorenamt. Schon in der Urkirche waren liturgische Vorleser bekannt.

Der Predikant hingegen wird auch als Laienprediger und Ältestenprediger bezeichnet. Prädikanten sind Absolventen einer speziellen theologischen Unterrichtung, vor allem aber in der Predigtlehre. Sie entwickeln Predigten selbstständig und dürfen innerhalb ihrer Gemeinden frei verkündigen. In einigen Landeskirchen ist den Prädikanten auch die Sakramentsdarreichung (Eucharistie und Abendmahl) gestattet. Darin grenzt ihre Arbeit sehr die des Pfarrers und entwickelt sich tendenziell zu einer weitgehend eigenständigen Funktion neben diesem.

Das Verhältnis zwischen den Ehrenamtlern und Theologen ist nicht frei von Spannungen. Immerhin geschieht auch der Dienst der so genannten Laien vor dem Hintergrund einer hochinformierten Gesellschaft, d.h. ihre Repräsentanz aus der Mitte der Gemeinde geschieht alles andere als dilletantisch. Und in Zeiten synodaler Sparzwänge werden die Laienprediger vermehrt als Notkräfte für wirtschaftliche kaum mehr tragbare Predigtstellen favorisiert. Denn Laienverkündiger erhalten weder Prämien noch Honorar.

Der unstudierte Amateur demnächst allsonntäglich im Talar auf der Kanzel? Geht so etwas? Mancherorts meint man, dass es geht. So wie im Rheinland und der Reformierten Kirche, wo die Prädikanten gleich den Pfarrern ordiniert werden. Diese Praxis weckt mancherorts auch Ängste um Status und Rollenbild. Und sie wirft entscheidende Fragen auf: Können und sollen traditionell pastorale Tätigkeiten (auch) durch unstudierte "normale" Gemeindeglieder wahrgenommen werden? Besteht hier die Gefahr einer Überforderung, Willkürlichkeit oder gar einer Amtsanmaßung? Was bedeutet es in sozialer Hinsicht, wenn Pfarrer und Laienprediger auf ein und dieselbe Weise berufen werden? Ist die Ordination für viele Dienste möglich oder doch eine Art zu schützender "Besitzstand" des Pfarramtes? "Wozu jahrelang studieren müssen, wenn dem Prädikanten die Urkunde praktisch hinterher geworfen wird?", so eine entzürnte Pastorin jüngst zwischen den Leserbriefen iner großen Kirchenzeitschrift.

Sicher, ein bisschen hat die Sache schon vom Kampf um Amt und Ehre, die frage wer denn der erste Diener sei im Weinberg des Herrn. Auch in der oldenburgischen Kirche wird noch viel Klärungsbedarf bevorstehen, wenn es darum geht die Laienverkündigung zeitgemäß verantwortet neben dem Pfarramt zu positionieren. Gleichwie hier die Entwicklung verlaufen wird. Eines ist sicher: Die Kirche bedarf vieler Diener um Christi Willen. Der Spruch vom Brei und den vielen Köchen passt überhaupt nicht. Denn erst die unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten werden dem weiten Spektrum heutiger Kirchenmitgliedschaft gerecht. Da ist ein wahres Sammelsurium unterschiedlichster Charakteren erkennbar. Verkündigung nur auf einem einzigen (pastoralen) Kommunikationskanal spricht schon deshalb kaum noch Gemeinden an. Auch steht und fällt die Gemeinde mit dem Gedanken der Dienstgemeinschaft, der gegenseitigen Wertschätzung und geschwisterlichen Kollegialität aller Diener an Wort und Sakrament, in Seelsorge, Pflege und Erziehung. Denn alles liturgische Tun geschieht letztlich in Verantwortung und Treue unter dem ersten und letzten Hohenpriester Jesus Christus.

Marcel Schütz 


Marcel Schütz ist Vorsitzender des Evangelischen Lektorenvereins.
Der Evangelische Lektorenverein unterhält das Evangelische Lektorenportal:

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