Prof. Dr.

Christian Möller

Gemeindeaufbau 

als gottesdienstliches Ereignis 

oder als  zielgerichtetes Programm

 

(Auszug aus dem Vortrag beim Dies Academicus)

  

Ein westfälischer Diakoniestudent schrieb über den missionarischen Gemeindeaufbau in seiner Heimatgemeinde folgende Erfahrung:

„In der Kirchengemeinde H. war und ist die Mitte des Gemeindeauf-baus der Gottesdienst. Vor jedem Gottesdienst trafen sich Laien und Hauptamtliche zum Gebet. Es gab vier Gottesdienste in der Woche, so dass jedes Gemeindeglied an wenigstens einem Gottesdienst teilnehmen konnte, auch wenn es beruflich z.B. durch Wechselschicht, etwa vormittags, verhindert war. Dann kam das Besuchsdienstprogramm von James Kennedy in unsere Gemeinde. Jetzt, aus einer gewissen Distanz heraus, muss ich sagen, dass das Vertrauen auf das Wirken Gottes im Gottesdienst fast völlig verloren ging. Man pries nur noch dieses Programm und verfiel in einen Arbeitswahn. Das Gebet vor den Gottesdiensten fiel weg und viele andere gemütliche Dinge in der Gemeinde verwandelten sich in hektische Betriebsamkeit. Man versuchte, Gemeinde noch größer und noch schöner zu bauen, als sie schon war. Immerhin kamen Sonntag für Sonntag ja 500 bis 600 Gottesdienstbesucher und während der Woche gab es viele Aktivitäten ohne Stress. Nun aber wurde Gott zwar immer noch als der Wirkende vorgegeben. Er konnte aber gar nicht mehr zum Zuge kommen.“

  

Diese Kirchengemeinde hatte offenbar bereits einen missionarischen Gemeindeaufbau, der vom Gottesdienst her und auf den Gottesdienst hin sich durch die ganze Woche hindurch ereignete und immer mehr Menschen in sich einbezog, die mit Hilfe des Gottesdienstes und mancher anderer daran sich anschließender Aktivitäten den Weg zur Gemeinde fanden[1]. In dem Moment aber, als ein Besuchsdienstprogramm strategisch in die Gemeinde eingebracht wurde, war es mit der Gemütlichkeit[2] vorbei, weil offenbar alles jetzt in einen Arbeitswahn verfiel und nur noch dieses Programm pries. Sie waren Sklaven eines Programms geworden, mussten die Schritte gehen, die programmiert waren, und es breitete sich mehr und mehr eine hektische Betriebsamkeit aus. Nahm man sich vorher Zeit zum Gebet vor den Gottesdiensten, so fiel das jetzt weg. Was jetzt noch passierte, musste Teil jener Strategie sein. Natürlich stand das auch jetzt noch, zumindest rhetorisch, unter dem Vorzeichen von Gottes Wirksamkeit, seiner Allmacht und seiner Größe, und es wurde sicherlich auf andere Weise viel gebetet. In Wahrheit aber, so beobachtet jener Student den Wechsel von einer gemütlichen, unverplanten, ereignishaften, zu einer strategisch programmierten Gemeindeaufbauphase: „Gott konnte gar nicht mehr zum Zuge kommen“, weil er jetzt Teil eines Programms war, in dem ihm vorgeschrieben wurde, wie er zu wirken haben.

 

Deutlicher, klarer und anschaulicher kann kaum mehr zum Ausdruck bringen, worin meine Vorbehalte gegenüber Programmen, Plänen und Modellen im Gemeindeaufbau liegen, die alles zielorientiert in den Griff zu nehmen versuchen und dann eine hektische Betriebsamkeit auslösen, so dass Gott gar nicht mehr zum Zuge kommen kann.

Vielleicht ist das ja nicht die ganze Wahrheit über Modelle und Programme im Gemeindeaufbau, sondern nur ein Warnsignal, das wir sorgfältig beachten sollten, wenn nun gleich von Modellen im Gemeindeaufbau die Rede sein wird. Dabei mag uns die Frage jenes Diakoniestudenten aus H. als Schlüsselfrage begleiten, ob und wie Gott in jedem solcher Gemeindeaufbaumodelle zum Zuge kommen kann. Wird ihm vorgeschrieben, wie er zu wirken habe? Dann ist bei Petrus mal wieder der Macherwahn ausgebrochen, so dass er beim Bau der Gemeinde daran erinnert werden muss, was Jesus ihm als Sendungswort am Ende des Johannesevangeliums mitgibt: „Ich will dich führen, wohin du nicht willst!“(Joh.21)

 

[weiter...]


(Auszug aus dem Vortrag auf dem Dies Academicus...)

  

Dokumentation des Studientages...

 [Vortrag auf dem Dies Academicus 2004 in Bethel]

  


[1] Wer diesen Gemeindeaufbau vom Gottesdienst her und auf den Gottesdienst hin auch ein „Programm“ nennen möchte, mag es tun, denn mir liegt nicht am Streit um Worte, sondern an der Überwindung eines Denkens, das dem Heiligen Geist vorschreiben will, wie er zu wirken habe. Vgl. M.Herbst, Spiritualität, Gemeindeaufbau und Marketing. Worum geht es im spirituellen Gemeincdemanagement?, in:ders.(Hg.), Spirituelle Aufbrüche.Perspektiven evangelischer Glaubenspraxis.Festschrift für Manfred Seitz zum 75. Geburtstag, Göttingen 2003, 178ff.:“Ziele im Gemeindeaufbau sind Gebetsanliegen, sie führen in anhaltendes, erwartungsvolles Beten und stellen nicht den homo faber auf das Podest.“(ebd.197) Wird nicht Gott zu einem Gebetsautomat instrumentalisiert, wenn oben die Ziele hineingesteckt werden, die sich Menschen für den Gemeindeaufbau ausgedacht haben, damit Gott diese Ziele dann –bitte schön!- erfülle? Was ist aber, wenn der Heilige Geist ganz andere Ziele für die Gemeinde hat, als diese sich mit ihren Programmen vornimmt und Gott vorschreibt?

[2] Das Wort „gemütlich“, das jener Student verwendet, zeigt eine Dimension der Gemeindearbeit an, die die Alternative von dilettantischem oder professionellem Arbeiten überholt und aufbricht: Wurstelt der Dilettant im Gemeindeaufbau herum, sodaß sich alles nur im Kreise dreht, so weiß der professionelle Manager zwar Bescheid, wie es zu gehen hat, aber seine Zielstrebigkeit breitet eher Arbeitshektik aus, während es bei den „Amateuren“ im Unterschied zum Profi „gemütlich“,phantasievoll und liebevoll, aber nicht dilettantisch zugeht, sind Amateure doch „Liebhaber“ des Evangeliums im Priestertum aller Getauften, das in der Bitte um den Heiligen Geist immer wieder neu um Leitung und Führung im Gemeindeaufbau ersucht(Vgl. Ch.Möller, Geistliche Gemeindeleitung, Hessisches Pfarrerblatt 2004).

 


            

 
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