Dr.J.Zimmermann

Auf dem Weg zu einer neuen Gestalt von Kirche

[...] es [ist die] Aufgabe des Gemeindeaufbaus, zur Entwicklung einer neuen Kirchengestalt beizutragen. Dabei geht es nicht um den Traum eines einzelnen Theologen. 

Es geht um die Entwicklung von Visionen, die aus dem aufmerksamen Hinhören auf Gott und sein Wort und zugleich aus dem sorgfältigen Wahrnehmen der Situation erwachsen. Um zu verhindern, dass hier sich das eigene Wunschdenken Bahn bricht, sind solche Visionen selbstkritisch und in der Gemeinschaft der Glaubenden zu prüfen.

Im Folgenden werde ich versuchen, Umrisse einer solchen Vision zu zeichnen. Ich nenne dazu sechs Kennzeichen der neuen Gestalt von Kirche:

1. Diasporafähiger Glaube

Die Gemeinde der Zukunft wird Diasporagemeinde sein. Sie wird überwiegend eine Minderheit in der säkularen Diaspora bilden und dem gesellschaftlichen Gegenwind ausgesetzt sein.

Mit „Gemeinde in der Diaspora“ meine ich da nicht die Selbststilisierung zur ausgegrenzten Minderheit, die sich selbst bemitleidet. Das hilft ebenso wenig weiter wie die bis heute zu findende Behauptung einer Christlichkeit der Gesellschaft.

Ich rede von der Diaspora, weil es um das Ziel eines diasporafähigen Glaubens geht. Wie kann ein Glaube ohne gesellschaftliche und kulturelle Stützen aussehen? Dazu braucht es einen Glauben, der tiefe Wurzeln hat. Menschen, die im Glauben gegründet und gefestigt sind. Glaubende, die nicht bei jedem Windstoß umknicken. „Diasporafähiger Glaube“ wird in der Gemeinde verwurzelt sein. Wo der einzelne Christ im Alltag in der Minderheit ist, braucht er einen Rückhalt. Dieser Rückhalt – die Soziologen sprechen von „Plausibilitätsstruktur“ – ist die Gemeinde.

„Diasporafähiger Glaube“ – damit meine ich einen Glauben, damit meine ich Gemeinden, die in einer anders geprägten Umgebung erkennbar sind und Profil zeigen. Glaube, der sprachfähig ist, der in einer Welt ohne Hoffnung Rechenschaft gibt von der Hoffnung, aus der Christen leben (1Petr 3,15).

2. Gemeinde in einer Vielfalt von Glaubensnetzwerken und Biotopen christlichen Lebens

Die Gemeinde der Zukunft wird vielgestaltig sein. Die Grundform der Parochie mit Pfarrer und Kirche wird es weiter geben. Sie wird ergänzt werden durch eine Vielzahl von Glaubensnetzwerken. Durch eine Vielgestaltigkeit von Gemeinschaftsformen, die der postmodernen Vielfalt Rechnung tragen und diese nicht nur als Bedrohung sehen. Das bedeutet keine unbedachte Anpassung. Im Unterschied zu einer zunehmenden Beziehungslosigkeit und Vereinzelung werden die Glaubensnetzwerke dem einzelnen ein Netzwerk anbieten, das ihn in seiner Situation trägt und begleitet. Ein Netzwerk, das vorhandene soziale Strukturen wie die Familie ergänzt und wo nötig auch ersetzt.

Zwischen den einzelnen Glaubensnetzwerken wird es untereinander wiederum Vernetzungen und Beziehungen geben. Wo die Vielfalt Raum gewinnt, wird entscheidend darauf zu achten sein, dass die Christen nicht in eine Vielzahl von Sympathiegemeinschaften und Grüppchen auseinanderdriften, sondern die Gemeinschaft untereinander wahren.

Im Zentrum der Glaubensnetzwerke steht der Gottesdienst. Vom Gottesdienst aus werden sich Formen gemeinsamen Lebens bilden, die nahe am einzelnen und seiner Situation sind. Sie werden „Biotope des Glaubens“ bilden – so eine schöne Formulierung der (katholischen) deutschen Bischofskonferenz[1]. Manche werden eigene Gemeinden bilden, andere werden Teil bestehender Gemeinden sein. Damit die Verbundenheit untereinander Gestalt gewinnt, wird es mehrmals im Jahr gemeinsame Gottesdienste der unterschiedlichen Glaubensnetzwerke mit gemeinsamen Mahlfeiern geben.

In versöhnter Verschiedenheit werden sich da Jugendgemeinde und Studierendengemeinde, koreanische Gemeinde und türkische Gemeinde, lutherische Gemeinde und charismatisch geprägte Personalgemeinde, landeskirchliche Gemeinschaft und Hauskreise treffen – und das alles in konfessioneller Vielfalt: evangelische und katholische, freikirchliche und orthodoxe Christen. Da werden Menschen, die in der Gesellschaft nicht zueinander finden würden und dort nur allzu oft beziehungslos nebeneinander her leben, in Christus untereinander verbunden.

3. Die Vielfalt der Charismen und Gaben: Gemeinde des allgemeinen Priestertums

Innerhalb der einzelnen Netzwerke und Gemeinden wird jeder Christ einen Ort finden, an dem er sich mit seinen Begabungen entfalten kann. Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Berufungen werden als Glieder am Leib Christi untereinander verbunden sein.

Die hierarchische und mon-archische Struktur haben ausgedient. Das bedeutet nicht, dass es keine Leitung mehr geben wird. Aber es wird nicht mehr davon ausgegangen, dass sich alle Begabungen und Dienste im Pfarramt vereinen. Nicht mehr der Pfarrer als „eierlegende Wollmilchsau“ steht an der Spitze und muss auf unterschiedlichste Wünsche eingehen. Seine wesentliche Aufgabe ist die Gewinnung, Anleitung, Förderung und Begleitung von Mitarbeitenden. Jeder einzelne ist unverwechselbar, unterschiedliche Begabungen ziehen unterschiedliche Berufungen nach sich. Jeder dient dem andern mit der Gabe, die er empfangen hat (1Petr 4,10). Es wird Wert darauf gelegt, Christen in ihrer je persönlichen Berufung zu begleiten und zu fördern. Das allgemeine Priestertum wird nicht nur behauptet, sondern gelebt. Durch Partizipation steigt auch die Identifikation mit der Gemeinde.

Die Unverwechselbarkeit des einzelnen muss nicht zu einem beziehungslosen Individualismus führen. Dass Glaube zunehmend als Sache eigener Entscheidung gesehen wird, stellt nicht nur eine Bedrohung dar. Der Einzelne kann sich nicht nur zur Distanz und zum Verlassen der Kirche entscheiden, sondern auch zur bewussten Zugehörigkeit und Mitarbeit in der Gemeinde.

4. Missionarische Gemeinde

Manches verband die Essener mit den ersten Christen: Beide hielten an den messianischen Verheißungen des Alten Testaments fest. Beide warteten auf das Kommen des Gottesreiches. Doch in einem unterschieden sie sich diametral. Und dieser eine Unterschied reicht aus, um immer wieder neue Versuchen, beide Gruppen in einen Topf zu werden, zu widerlegen: Bei den Essenern folgte aus ihrer Zukunftserwartung der Rückzug. Sie sonderten sich ab vom ihrer Ansicht nach ungläubigen Rest des Volkes und lebten zurückgezogen. Ganz anders die ersten Christen: Sie zogen aus in die gesamte damals bekannte Welt, um die Nachricht vom Anbruch der Gottesherrschaft und vom Messias Jesus weiterzusagen, um zur Umkehr aufzurufen. Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker (Mt 28,19) das war ihr Auftrag.

Das ist bis heute ihr Auftrag. Und die Zusage des erhöhten Christus ist mit diesem Auftrag verbunden: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20). Mission ist nicht ein Rezept zur Überwindung kirchlicher Krisen. Es ist der bleibende Auftrag der Gemeinde Jesu Christi, der unter der Verheißung des erhöhten Christus steht.

Seit einigen Jahren besinnt sich die evangelische (ich ergänze: und die katholische) Kirche in Deutschland wieder auf diesen Auftrag. Wenn Mission und Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche ist oder wieder wird, dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in Ordnung“ - so Eberhard Jüngel auf der Synode der EKD in Leipzig 1999[2].

Was heißt „missionarische Gemeinde“? Dazu einige Gedanken:

-     Missionarische Gemeinde wird alle Bereiche der traditionellen Gemeindearbeit an ihrem Auftrag ausrichten. Und sie wird sich darüber hinaus immer wieder Neues und Kreatives einfallen lassen, um andere Menschen die Liebe Christi spüren zu lassen: durch Glaubenskurse, neue Gottesdienstformen und vieles andere mehr.

-     Missionarische Gemeinde ist Gemeinde, die sich nicht mit Bestandswahrung zufriedengibt. Sie begnügt sich nicht mit dem Bewahren der 99 Schafe, sondern sie sucht das eine verlorene Schaf und scheut dazu keinen Einsatz. Ganz abgesehen davon, dass heute im Stall keine 99 mehr sind, sondern allenfalls zwanzig, wenn nicht gar nur zehn oder fünf.

Karl Rahner schrieb 1972: „Die Möglichkeit also, aus einem unchristlich gewordenen Milieu neue Christen zu gewinnen, ist der einzig lebendige und überzeugende Beweis dafür, dass das Christentum auch heute noch eine wirkliche Zukunftschance hat“[3]. Zu Bischofswahlen bemerkte er: „Der beste Missionar in einer nichtchristlichen Diasporasituation wäre der beste Kandidat für ein kirchliches Amt“[4]. Deshalb soll die Kirche den „Schwerpunkt auf eine offensive Haltung für die Gewinnung neuer Christen aus einem ‘unchristlichen’ Milieu legen und nicht auf eine defensive Verteidigung ihres traditionellen Bestandes“[5].

Damit ist auch das Ziel von Mission genannt: Es geht darum, Menschen einen Weg hin zum Glauben und in die Gemeinde zu eröffnen und sie dabei zu begleiten.

5. Diakonische Gemeinde

Diakonische Gemeinde ist die Gemeinde Jesu in der Nachfolge dessen, der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben zur Erlösung der Vielen.

Diakonie braucht spezialisierte Institutionen, um Menschen wirksam helfen zu können. Das ist kaum an einem Ort so augenscheinlich wie hier in Bethel. Aber damit ist die Gefahr verbunden, dass Gemeinden die Aufgabe der Diakonie an Spezialisten abtreten. „Diakonische Gemeinde“ bedeutet, dass die Gemeinde der Zukunft Diakonie wieder als ihre ureigenste Sache entdecken und praktizieren wird.

Diakonische Gemeinde wird sich im Umgang mit denen erweisen, die am Rand der Gesellschaft stehen: mit Behinderten und Kranken, mit Arbeitslosen, Asylanten und Alten. Im Umgang mit Kindern und ungeborenem Leben. Wie wird dort helfen, wo niemand anders helfen möchte. Diakonische Gemeinde ist immer auch ein Stück Betreuungskirche. Das Ideal einer Beteiligungskirche wird dort unbarmherzig, wo es nicht darauf Rücksicht nimmt, dass es Menschen gibt, die zeitweise oder nicht mehr die Kräfte haben, andere zu unterstützen, sondern selbst auf Unterstützung angewiesen sind.

Diakonische Gemeinde wird barmherzig mit denen umgehen, die gescheitert sind. Sie wird an Ehe und Familie als göttlichen Stiftungen festhalten - und zugleich eine Gemeinde sein, in der Geschiedene nicht Christen zweiten Ranges sind.

Diakonische Gemeinde wird politische Gemeinde sein. Nicht politisierte Gemeinde, die die Tagespolitik für das Evangelium hält, sondern Gemeinde, die für die ihre Stimme erhebt, die sich selbst nicht zu Wort melden können. Sie wird auffallen in einer Umgebung, in der Menschen herrschen wollen und auf Eigennutz aus sind. Die Bereitschaft zum Verzicht und zum Dienst macht sie glaubwürdig.

6. Vielgestaltigkeit der Formen im Pfarramt

Dass das Pfarramt nicht unverändert fortbestehen wird, kam bereits zur Sprache. Sicher: Parochialpfarrer wird es weiter geben. Aber auf dem Land ist in Ostdeutschland die flächendeckende pfarramtliche Versorgung bereits heute nicht mehr finanzierbar. Um hier nicht nach dem Downsizing zu verfahren und einfach auszudünnen, braucht es hier neue Pfarrbilder. Etwa einen Pfarrer als „Regionalbischof“, der die Aufgabe hat, „lokale Glaubensnetzwerke“[6] zu initiieren, zu begleiten und zu unterstützen. Pfarrerinnen und Pfarrer, die die ehrenamtliche Gemeindeleiter und andere Mitarbeiter vor Ort begleiten und fördern.

Pfarrerinnen und Pfarrer werden weiter in Gemeinden verwurzelt sein - das können Parochien oder andere Glaubensnetzwerke sein. Darüber hinaus werden sie in einem größeren Gebiet Verantwortung übernehmen, die ihrer Begabung entspricht. Eine Pfarrerin wird verantwortlich für die Durchführung von Glaubenskursen sein. Ein anderer Pfarrer wird Mitarbeiter diakonischer Gruppen und Besuchsdienste begleiten. Wieder ein anderer bildet ehrenamtliche Gemeindeleiter und Leiter von Glaubensnetzwerken aus, ein weiterer hat dieselbe Aufgabe in der Jugendarbeit.

Auch die Finanzierung wird vielgestaltiger. Manche Pfarrer werden ihre Berufung ehrenamtlich ausüben. Andere werden durch Spenden finanziert. Aber nach wie vor wird Pfarrerin und Pfarrer ein lohnender und spannender Beruf sein. Auch in Zukunft wird es eine Theologie brauchen, die dem Gemeindeaufbau dient und ihn begleitet.

[weiter...]


(Auszug aus dem Vortrag auf dem Dies Academicus...)

  

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 [Vortrag auf dem Dies Academicus 2004 in Bethel]


[1] „Zeit zur Aussaat“. Missionarisch Kirche sein. Reihe die deutschen Bischöfe Nr. 68, Bonn 2000, 25 (bzw. „Biotope gelebter Christlichkeit“, ebd.).

[2]Eberhard Jüngel, Referat zur Einführung in das Schwerpunktthema, in: Reden von Gott in der Welt. Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend, epd-Dokumentation 49/1999, 1-12 (1).

[3]Karl Rahner, Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg u. a. 1972, 36.

[4]Rahner, a. a. O., 37.

[5]Rahner, a. a. O., 35

[6]Paul M. Zulehner, Kirche im Umbau. Für eine Erneuerung im Geist des Evangeliums, Herder Korrespondenz 58 (2004), 122.


            

 
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