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1.
Diasporafähiger Glaube
Die
Gemeinde der Zukunft wird Diasporagemeinde sein. Sie wird überwiegend
eine Minderheit in der säkularen Diaspora bilden und dem
gesellschaftlichen Gegenwind ausgesetzt sein.
Mit
„Gemeinde in der Diaspora“ meine ich da nicht die
Selbststilisierung zur ausgegrenzten Minderheit, die sich selbst
bemitleidet. Das hilft ebenso wenig weiter wie die bis heute zu
findende Behauptung einer Christlichkeit der Gesellschaft.
Ich
rede von der Diaspora, weil es um das Ziel eines diasporafähigen
Glaubens geht. Wie kann ein Glaube ohne gesellschaftliche und
kulturelle Stützen aussehen? Dazu braucht es einen Glauben, der
tiefe Wurzeln hat. Menschen, die im Glauben gegründet und
gefestigt sind. Glaubende, die nicht bei jedem Windstoß
umknicken. „Diasporafähiger Glaube“ wird in der Gemeinde
verwurzelt sein. Wo der einzelne Christ im Alltag in der
Minderheit ist, braucht er einen Rückhalt. Dieser Rückhalt –
die Soziologen sprechen von „Plausibilitätsstruktur“ –
ist die Gemeinde.
„Diasporafähiger
Glaube“ – damit meine ich einen Glauben, damit meine ich
Gemeinden, die in einer anders geprägten Umgebung erkennbar
sind und Profil zeigen. Glaube, der sprachfähig ist, der in
einer Welt ohne Hoffnung Rechenschaft gibt von der Hoffnung, aus
der Christen leben (1Petr 3,15).
2.
Gemeinde in einer Vielfalt von Glaubensnetzwerken und Biotopen
christlichen Lebens
Die
Gemeinde der Zukunft wird vielgestaltig sein. Die Grundform der
Parochie mit Pfarrer und Kirche wird es weiter geben. Sie wird
ergänzt werden durch eine Vielzahl von Glaubensnetzwerken.
Durch eine Vielgestaltigkeit von Gemeinschaftsformen, die der
postmodernen Vielfalt Rechnung tragen und diese nicht nur als
Bedrohung sehen. Das bedeutet keine unbedachte Anpassung. Im
Unterschied zu einer zunehmenden Beziehungslosigkeit und
Vereinzelung werden die Glaubensnetzwerke dem einzelnen ein
Netzwerk anbieten, das ihn in seiner Situation trägt und
begleitet. Ein Netzwerk, das vorhandene soziale Strukturen wie
die Familie ergänzt und wo nötig auch ersetzt.
Zwischen
den einzelnen Glaubensnetzwerken wird es untereinander wiederum
Vernetzungen und Beziehungen geben. Wo die Vielfalt Raum
gewinnt, wird entscheidend darauf zu achten sein, dass die
Christen nicht in eine Vielzahl von Sympathiegemeinschaften und
Grüppchen auseinanderdriften, sondern die Gemeinschaft
untereinander wahren.
Im
Zentrum der Glaubensnetzwerke steht der Gottesdienst. Vom
Gottesdienst aus werden sich Formen gemeinsamen Lebens bilden,
die nahe am einzelnen und seiner Situation sind. Sie werden
„Biotope des Glaubens“ bilden – so eine schöne
Formulierung der (katholischen) deutschen Bischofskonferenz.
Manche werden eigene Gemeinden bilden, andere werden Teil
bestehender Gemeinden sein. Damit die Verbundenheit
untereinander Gestalt gewinnt, wird es mehrmals im Jahr
gemeinsame Gottesdienste der unterschiedlichen Glaubensnetzwerke
mit gemeinsamen Mahlfeiern geben.
In
versöhnter Verschiedenheit werden sich da Jugendgemeinde und
Studierendengemeinde, koreanische Gemeinde und türkische
Gemeinde, lutherische Gemeinde und charismatisch geprägte
Personalgemeinde, landeskirchliche Gemeinschaft und Hauskreise
treffen – und das alles in konfessioneller Vielfalt:
evangelische und katholische, freikirchliche und orthodoxe
Christen. Da werden Menschen, die in der Gesellschaft nicht
zueinander finden würden und dort nur allzu oft beziehungslos
nebeneinander her leben, in Christus untereinander verbunden.
3.
Die Vielfalt der Charismen und Gaben: Gemeinde des allgemeinen
Priestertums
Innerhalb
der einzelnen Netzwerke und Gemeinden wird jeder Christ einen
Ort finden, an dem er sich mit seinen Begabungen entfalten kann.
Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Berufungen werden
als Glieder am Leib Christi untereinander verbunden sein.
Die
hierarchische und mon-archische Struktur haben ausgedient. Das
bedeutet nicht, dass es keine Leitung mehr geben wird. Aber es
wird nicht mehr davon ausgegangen, dass sich alle Begabungen und
Dienste im Pfarramt vereinen. Nicht mehr der Pfarrer als
„eierlegende Wollmilchsau“ steht an der Spitze und muss auf
unterschiedlichste Wünsche eingehen. Seine wesentliche Aufgabe
ist die Gewinnung, Anleitung, Förderung und Begleitung von
Mitarbeitenden. Jeder einzelne ist unverwechselbar,
unterschiedliche Begabungen ziehen unterschiedliche Berufungen
nach sich. Jeder dient dem andern mit der Gabe, die er empfangen
hat (1Petr 4,10). Es wird Wert darauf gelegt, Christen in ihrer
je persönlichen Berufung zu begleiten und zu fördern. Das
allgemeine Priestertum wird nicht nur behauptet, sondern gelebt.
Durch Partizipation steigt auch die Identifikation mit der
Gemeinde.
Die
Unverwechselbarkeit des einzelnen muss nicht zu einem
beziehungslosen Individualismus führen. Dass Glaube zunehmend
als Sache eigener Entscheidung gesehen wird, stellt nicht nur
eine Bedrohung dar. Der Einzelne kann sich nicht nur zur Distanz
und zum Verlassen der Kirche entscheiden, sondern auch zur
bewussten Zugehörigkeit und Mitarbeit in der Gemeinde.
4.
Missionarische Gemeinde
Manches
verband die Essener mit den ersten Christen: Beide hielten an
den messianischen Verheißungen des Alten Testaments fest. Beide
warteten auf das Kommen des Gottesreiches. Doch in einem
unterschieden sie sich diametral. Und dieser eine Unterschied
reicht aus, um immer wieder neue Versuchen, beide Gruppen in
einen Topf zu werden, zu widerlegen: Bei den Essenern folgte aus
ihrer Zukunftserwartung der Rückzug. Sie sonderten sich ab vom
ihrer Ansicht nach ungläubigen Rest des Volkes und lebten zurückgezogen.
Ganz anders die ersten Christen: Sie zogen aus in die gesamte
damals bekannte Welt, um die Nachricht vom Anbruch der
Gottesherrschaft und vom Messias Jesus weiterzusagen, um zur
Umkehr aufzurufen. Gehet
hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker (Mt 28,19) das
war ihr Auftrag.
Das
ist bis heute ihr Auftrag. Und die Zusage des erhöhten Christus
ist mit diesem Auftrag verbunden: Siehe,
ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20). Mission
ist nicht ein Rezept zur Überwindung kirchlicher Krisen. Es ist
der bleibende Auftrag der Gemeinde Jesu Christi, der unter der
Verheißung des erhöhten Christus steht.
Seit
einigen Jahren besinnt sich die evangelische (ich ergänze: und
die katholische) Kirche in Deutschland wieder auf diesen
Auftrag. Wenn Mission und
Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche ist oder wieder
wird, dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in
Ordnung“ - so Eberhard Jüngel auf der Synode der EKD in
Leipzig 1999.
Was
heißt „missionarische Gemeinde“? Dazu einige Gedanken:
-
Missionarische Gemeinde wird alle Bereiche der
traditionellen Gemeindearbeit an ihrem Auftrag ausrichten. Und
sie wird sich darüber hinaus immer wieder Neues und Kreatives
einfallen lassen, um andere Menschen die Liebe Christi spüren
zu lassen: durch Glaubenskurse, neue Gottesdienstformen und
vieles andere mehr.
-
Missionarische Gemeinde ist Gemeinde, die sich nicht mit
Bestandswahrung zufriedengibt. Sie begnügt sich nicht mit dem
Bewahren der 99 Schafe, sondern sie sucht das eine verlorene
Schaf und scheut dazu keinen Einsatz. Ganz abgesehen davon, dass
heute im Stall keine 99 mehr sind, sondern allenfalls zwanzig,
wenn nicht gar nur zehn oder fünf.
Karl
Rahner schrieb 1972: „Die Möglichkeit also, aus einem
unchristlich gewordenen Milieu neue Christen zu gewinnen, ist
der einzig lebendige und überzeugende Beweis dafür, dass das
Christentum auch heute noch eine wirkliche Zukunftschance hat“.
Zu Bischofswahlen bemerkte er: „Der beste Missionar in einer
nichtchristlichen Diasporasituation wäre der beste Kandidat für
ein kirchliches Amt“.
Deshalb soll die Kirche den „Schwerpunkt auf eine offensive
Haltung für die Gewinnung neuer Christen aus einem
‘unchristlichen’ Milieu legen und nicht auf eine defensive
Verteidigung ihres traditionellen Bestandes“.
Damit
ist auch das Ziel von Mission genannt: Es geht darum, Menschen
einen Weg hin zum Glauben und in die Gemeinde zu eröffnen und
sie dabei zu begleiten.
5.
Diakonische Gemeinde
Diakonische
Gemeinde ist die Gemeinde Jesu in der Nachfolge dessen, der
nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und
sein Leben hinzugeben zur Erlösung der Vielen.
Diakonie
braucht spezialisierte Institutionen, um Menschen wirksam helfen
zu können. Das ist kaum an einem Ort so augenscheinlich wie
hier in Bethel. Aber damit ist die Gefahr verbunden, dass
Gemeinden die Aufgabe der Diakonie an Spezialisten abtreten.
„Diakonische Gemeinde“ bedeutet, dass die Gemeinde der
Zukunft Diakonie wieder als ihre ureigenste Sache entdecken und
praktizieren wird.
Diakonische
Gemeinde wird sich im Umgang mit denen erweisen, die am Rand der
Gesellschaft stehen: mit Behinderten und Kranken, mit
Arbeitslosen, Asylanten und Alten. Im Umgang mit Kindern und
ungeborenem Leben. Wie wird dort helfen, wo niemand anders
helfen möchte. Diakonische Gemeinde ist immer auch ein Stück
Betreuungskirche. Das Ideal einer Beteiligungskirche wird dort
unbarmherzig, wo es nicht darauf Rücksicht nimmt, dass es
Menschen gibt, die zeitweise oder nicht mehr die Kräfte haben,
andere zu unterstützen, sondern selbst auf Unterstützung
angewiesen sind.
Diakonische
Gemeinde wird barmherzig mit denen umgehen, die gescheitert
sind. Sie wird an Ehe und Familie als göttlichen Stiftungen
festhalten - und zugleich eine Gemeinde sein, in der Geschiedene
nicht Christen zweiten Ranges sind.
Diakonische
Gemeinde wird politische Gemeinde sein. Nicht politisierte
Gemeinde, die die Tagespolitik für das Evangelium hält,
sondern Gemeinde, die für die ihre Stimme erhebt, die sich
selbst nicht zu Wort melden können. Sie wird auffallen in einer
Umgebung, in der Menschen herrschen wollen und auf Eigennutz aus
sind. Die Bereitschaft zum Verzicht und zum Dienst macht sie
glaubwürdig.
6.
Vielgestaltigkeit der Formen im Pfarramt
Dass
das Pfarramt nicht unverändert fortbestehen wird, kam bereits
zur Sprache. Sicher: Parochialpfarrer wird es weiter geben. Aber
auf dem Land ist in Ostdeutschland die flächendeckende
pfarramtliche Versorgung bereits heute nicht mehr finanzierbar.
Um hier nicht nach dem Downsizing
zu verfahren und einfach auszudünnen, braucht es hier neue
Pfarrbilder. Etwa einen Pfarrer als „Regionalbischof“, der
die Aufgabe hat, „lokale Glaubensnetzwerke“
zu initiieren, zu begleiten und zu unterstützen. Pfarrerinnen
und Pfarrer, die die ehrenamtliche Gemeindeleiter und andere
Mitarbeiter vor Ort begleiten und fördern.
Pfarrerinnen
und Pfarrer werden weiter in Gemeinden verwurzelt sein - das können
Parochien oder andere Glaubensnetzwerke sein. Darüber hinaus
werden sie in einem größeren Gebiet Verantwortung übernehmen,
die ihrer Begabung entspricht. Eine Pfarrerin wird
verantwortlich für die Durchführung von Glaubenskursen sein.
Ein anderer Pfarrer wird Mitarbeiter diakonischer Gruppen und
Besuchsdienste begleiten. Wieder ein anderer bildet
ehrenamtliche Gemeindeleiter und Leiter von Glaubensnetzwerken
aus, ein weiterer hat dieselbe Aufgabe in der Jugendarbeit.
Auch
die Finanzierung wird vielgestaltiger. Manche Pfarrer werden
ihre Berufung ehrenamtlich ausüben. Andere werden durch Spenden
finanziert. Aber nach wie vor wird Pfarrerin und Pfarrer ein
lohnender und spannender Beruf sein. Auch in Zukunft wird es
eine Theologie brauchen, die dem Gemeindeaufbau dient und ihn
begleitet.
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