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Bisweilen
fragt man sich: Hat die Theologie hier auch ein Mitspracherecht?
Wie kann die zweifellos notwendige Diskussion vom Auftrag der
Kirche her geführt und gestalte t werden? Das Festhalten-Wollen
dominiert. Wäre es auch denkbar, Dinge loszulassen, um die
Kraft zu haben, Neues zu beginnen?
Die
Folge für Mitarbeitende: Ihnen werden immer neue Lasten aufgebürdet.
Viele sind überfordert, ausgebrannt und frustriert. Der Prozess
des Downsizing wirkt -
zumindest so, wie er bisher gestaltet wird - alles andere als
motivierend.
Das
Schlimme aber ist: Kaum ist eine Runde des Downsizing
durchgeführt, steht die nächste an. Das hebt die Stimmung
keineswegs. Das Downsizing
trägt Züge der Resignation. Es wirkt nicht aufbauend,
sondern deprimierend. Paul Zulehner bemerkt bissig: „Kein
Aufbruch droht“.
In
manchem habe ich sicher überzeichnet, und hie und da mag die
Situation nicht ganz so düster aussehen oder wahrgenommen
werden. Aber die Tendenz in der derzeitigen kirchlichen
Landschaft Deutschlands meine ich zutreffend erfasst zu haben:
Kein Aufbruch droht.
Ist
in so einer Situation denkbar, was Axel Noack, Bischof der
Kirchenprovinz Sachsen, sinngemäß so formuliert: dass wir fröhlich
kleiner werden und zugleich wachsende Kirche bleiben wollen?
5.
Eine Kirchengestalt geht ihrem Ende entgegen
1.
Was wir miterleben, ist nicht nur eine momentane Krise, sondern
das Zu-Ende-Gehen einer Kirchengestalt. Der Kirchengestalt der
konstantinischen Zeit, die die Christenheit hier in Europa über
1000 Jahre lang prägte. Ich nenne drei Kennzeichen dieser
Kirchengestalt:
a)
Es ist die Kirche, die vom unhinterfragten Fortschreiben von
Traditionen lebt. Man lässt seine Kinder taufen. Man lässt
sich konfirmieren. Man geht am Heiligabend zum Gottesdienst. Und
am Ende des Lebens wird man kirchlich bestattet. Kurzum: Die Zugehörigkeit
zur Kirche stellt den gesellschaftlichen Normalfall dar.
[...]
b)
Die bisherige Gestalt der Kirche war Betreuungskirche:
Behörden haben in der Regel zwei Funktionen: die Aufgabe der
Versorgung und die der Kontrolle. Ähnlich wurde die Kirche
gestaltet: Sie war als kirchliche Obrigkeit zuständig für die
geistliche Versorgung der Bevölkerung: für Gottesdienste und
Kasualien, für Unterricht und Krankenbesuche. Dabei wurde und
wird viel Gutes getan. Aber eine solche staatsanaloge Struktur
prägt Mentalitäten: eine passive Empfängermentalität auf der
einen und eine pfarrherrliches Denken auf der anderen Seite.
[...]
c)
Aus dem zweiten ergibt sich das Dritte: Die überkommene Kirche
ist pfarrerzentrierte
Kirche, im Zentrum stehen pfarramtlich wahrgenommene
Dienste: Die sog. Kasualien, dazu einige Gottesdienste im
Jahreskreis und anderes mehr.
2.
Sie merken: der Kreis schließt sich. Die Kasualien, das
Weihnachtsfest und der Pfarrer - das sind die Wahrzeichen der
„alten“ Kirchengestalt. Bei vielen stehen sie hoch im Kurs.
Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese uns überkommene
Kirchengestalt massiv bröckelt. In einer Zeit, in der
traditionelle Bindungen nachlassen, ist auch die Zugehörigkeit
zur Kirche betroffen. Religion wird zur Sache eigener
Entscheidung. Die Mitgliedschaft in der Kirche muss sich die
Frage gefallen lassen: Was bringt mir das? Zugespitzt gesagt:
Wer darüber nachdenkt, warum er zur Kirche gehört, ist schon
halb ausgetreten. Denn traditionelle Kirchenzugehörigkeit lebt
davon, unhinterfragt selbstverständlich zu sein.
3.
a) Fast allen sog. „Reformen“ der vergangenen Jahre
gemeinsam ist, dass sie diese Kirchengestalt retten möchten.
Ein signifikantes Beispiel dafür ist der Pfarrdienst: Die
Erwartungen und Vorgaben für den Dienst der Pfarrerinnen und
Pfarrer orientieren sich nach wie vor an der alten
Kirchengestalt, also am volkskirchlichen Betreuungsmodell. Die
Zahl der zu „versorgenden“ Gemeindeglieder, die Zahl der
Gottesdienste, Kasualien und Besuche, Unterricht und Verwaltung
- daran wird der Umfang des Dienstes gemessen. Das sind die
verpflichtend vorgegebenen Aufgaben.
b)
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Unterscheidung von alter
und neuer Kirchengestalt entspricht nicht der Unterscheidung von
Schatten und Licht, von gut und schlecht. Ich möchte die alte
Kirchengestalt nicht pauschal verurteilen. Lange Zeit war sie
den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen
angemessen. Ich möchte sie auch nicht als oberflächlich abtun.
Auch in ihr gab und gibt es tiefen persönlichen Glauben und
gelebte Gemeinschaft.
Nur
- diese Kirchengestalt geht ihrem Ende entgegen. Das wird nicht
morgen oder übermorgen kommen, es kann noch Jahrzehnte dauern.
Die Versuche, sie zu stabilisieren, können zwar ihr Ende
hinauszögern, aber kaum abwenden. Wichtig ist jedoch: Das Ende
einer Gestalt von Kirche bedeutet nicht das Ende der Gemeinde
Jesu.
c)
Ich fasse die offensichtlichen Schwächen der „alten“
Kirchengestalt zusammen:
-
In theologischer Hinsicht: Weder ein obrigkeitliche Betreuungskirche
noch eine Kirche religiöser Dienstleistungen ist per se schon
Gemeinde! Von „Gemeinde“ kann man erst dann reden, wenn
damit Formen gemeinsamen Lebens verbunden sind, in denen die
Gemeinschaft des Glaubens Gestalt gewinnt. In dieser Hinsicht
ist die „alte“ Gestalt von Kirche theologisch zu hinterfragen. Gemeindeaufbau wird anders ansetzen:
bei der Koinonia.
-
Im Hinblick auf die Situation:
Die „alte“ Gestalt von Kirche setzt mehr oder weniger
eine volkskirchliche Situation voraus. Sie lebt von einem
Umfeld, in dem Kirchenmitgliedschaft noch weithin selbstverständlich
ist. Gerade das aber ist in der gegenwärtigen Situation immer
weniger gegeben. Eberhard Winkler, emeritierter Professor für
Praktische Theologie in Halle, formuliert seine Erfahrungen so:
„Kasualien und Religionsunterricht werden auf die Dauer nicht
ausreichen, die ‘Christen in Halbdistanz’ in der Kirche zu
halten. Wir haben in der DDR erlebt, wie schnell eine
Kasualkirche zusammenbrechen kann“.
6.
Auf dem Weg zu einer neuen Gestalt von Kirche
In
dieser Situation ist es Aufgabe des Gemeindeaufbaus, zur
Entwicklung einer neuen Kirchengestalt beizutragen. Dabei geht
es nicht um den Traum eines einzelnen Theologen. Es geht um die
Entwicklung von Visionen, die aus dem aufmerksamen Hinhören auf
Gott und sein Wort und zugleich aus dem sorgfältigen Wahrnehmen
der Situation erwachsen. Um zu verhindern, dass hier sich das
eigene Wunschdenken Bahn bricht, sind solche Visionen
selbstkritisch und in der Gemeinschaft der Glaubenden zu prüfen.
Im
Folgenden werde ich versuchen, Umrisse einer solchen Vision zu
zeichnen. Ich nenne dazu sechs Kennzeichen der neuen Gestalt von
Kirche:
[weiter...]

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