Dr.J.Zimmermann

4. „Kein Aufbruch droht“

Diesen Studientag einmal ausgenommen, ist es derzeit eine eher depressive Stimmung, die sich in unseren Kirchen breit macht. Das Geld reicht nicht, an allen Ecken und Enden muss gespart werden. Neues wird kaum in Angriff genommen. 

Man bemüht sich, das Alte weiterzuführen und ist schon froh, wenn man nicht allzu sehr reduzieren muss. Personal wird abgebaut, Einrichtungen geschlossen, Gemeinden werden zusammengelegt - der Umfang bisheriger Tätigkeiten wird heruntergefahren. Im Englischen nennt man das Downsizing. Steuerreform, Austritte und demographische Entwicklung bilden düstere Wolken am kirchlichen Finanzhorizont. Unternehmensberatungen werden beauftragt, um der finanziellen Krise Herr zu werden. Alle Bereiche werden kritisch durchforstet: Was kann zur Not aufgegeben werden? Soll man nach dem Rasenmäherprinzip verfahren: alles ein wenig zurückstutzen? Oder lieber einzelne Bereiche ganz aufgeben?

Die betriebswirtschaftliche Vernunft breitet ihre Herrschaft in der Kirche aus. Prioritätensetzung steht an. Man nennt das Rückbesinnung auf Kernkompetenzen. Das hat durchaus etwas Hilfreiches: Man muss darüber nachdenken, was in der Kirche wirklich wichtig ist und was man tun, aber auch lassen kann.

Aber allzu oft geben bei Kürzungen andere unausgesprochene Kriterien den Ton an: Man lässt die Stellen wegfallen, die auslaufen oder deren Inhaber demnächst pensioniert werden. Man kürzt dort, wo die wenigsten Widerstände zu erwarten sind.

Bisweilen fragt man sich: Hat die Theologie hier auch ein Mitspracherecht? Wie kann die zweifellos notwendige Diskussion vom Auftrag der Kirche her geführt und gestalte t werden? Das Festhalten-Wollen dominiert. Wäre es auch denkbar, Dinge loszulassen, um die Kraft zu haben, Neues zu beginnen?

Die Folge für Mitarbeitende: Ihnen werden immer neue Lasten aufgebürdet. Viele sind überfordert, ausgebrannt und frustriert. Der Prozess des Downsizing wirkt - zumindest so, wie er bisher gestaltet wird - alles andere als motivierend.

Das Schlimme aber ist: Kaum ist eine Runde des Downsizing durchgeführt, steht die nächste an. Das hebt die Stimmung keineswegs. Das Downsizing trägt Züge der Resignation. Es wirkt nicht aufbauend, sondern deprimierend. Paul Zulehner bemerkt bissig: „Kein Aufbruch droht“.

In manchem habe ich sicher überzeichnet, und hie und da mag die Situation nicht ganz so düster aussehen oder wahrgenommen werden. Aber die Tendenz in der derzeitigen kirchlichen Landschaft Deutschlands meine ich zutreffend erfasst zu haben: Kein Aufbruch droht.

Ist in so einer Situation denkbar, was Axel Noack, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, sinngemäß so formuliert: dass wir fröhlich kleiner werden und zugleich wachsende Kirche bleiben wollen?

5. Eine Kirchengestalt geht ihrem Ende entgegen

1. Was wir miterleben, ist nicht nur eine momentane Krise, sondern das Zu-Ende-Gehen einer Kirchengestalt. Der Kirchengestalt der konstantinischen Zeit, die die Christenheit hier in Europa über 1000 Jahre lang prägte. Ich nenne drei Kennzeichen dieser Kirchengestalt:

a) Es ist die Kirche, die vom unhinterfragten Fortschreiben von Traditionen lebt. Man lässt seine Kinder taufen. Man lässt sich konfirmieren. Man geht am Heiligabend zum Gottesdienst. Und am Ende des Lebens wird man kirchlich bestattet. Kurzum: Die Zugehörigkeit zur Kirche stellt den gesellschaftlichen Normalfall dar. [...]

b) Die bisherige Gestalt der Kirche war Betreuungskirche: Behörden haben in der Regel zwei Funktionen: die Aufgabe der Versorgung und die der Kontrolle. Ähnlich wurde die Kirche gestaltet: Sie war als kirchliche Obrigkeit zuständig für die geistliche Versorgung der Bevölkerung: für Gottesdienste und Kasualien, für Unterricht und Krankenbesuche. Dabei wurde und wird viel Gutes getan. Aber eine solche staatsanaloge Struktur prägt Mentalitäten: eine passive Empfängermentalität auf der einen und eine pfarrherrliches Denken auf der anderen Seite. [...]

c) Aus dem zweiten ergibt sich das Dritte: Die überkommene Kirche ist pfarrerzentrierte Kirche, im Zentrum stehen pfarramtlich wahrgenommene Dienste: Die sog. Kasualien, dazu einige Gottesdienste im Jahreskreis und anderes mehr.

2. Sie merken: der Kreis schließt sich. Die Kasualien, das Weihnachtsfest und der Pfarrer - das sind die Wahrzeichen der „alten“ Kirchengestalt. Bei vielen stehen sie hoch im Kurs. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese uns überkommene Kirchengestalt massiv bröckelt. In einer Zeit, in der traditionelle Bindungen nachlassen, ist auch die Zugehörigkeit zur Kirche betroffen. Religion wird zur Sache eigener Entscheidung. Die Mitgliedschaft in der Kirche muss sich die Frage gefallen lassen: Was bringt mir das? Zugespitzt gesagt: Wer darüber nachdenkt, warum er zur Kirche gehört, ist schon halb ausgetreten. Denn traditionelle Kirchenzugehörigkeit lebt davon, unhinterfragt selbstverständlich zu sein.

3. a) Fast allen sog. „Reformen“ der vergangenen Jahre gemeinsam ist, dass sie diese Kirchengestalt retten möchten. Ein signifikantes Beispiel dafür ist der Pfarrdienst: Die Erwartungen und Vorgaben für den Dienst der Pfarrerinnen und Pfarrer orientieren sich nach wie vor an der alten Kirchengestalt, also am volkskirchlichen Betreuungsmodell. Die Zahl der zu „versorgen­den“ Gemeindeglieder, die Zahl der Gottesdienste, Kasualien und Besuche, Unterricht und Verwaltung - daran wird der Umfang des Dienstes gemessen. Das sind die verpflichtend vorgegebenen Aufgaben.

b) Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Unterscheidung von alter und neuer Kirchengestalt entspricht nicht der Unterscheidung von Schatten und Licht, von gut und schlecht. Ich möchte die alte Kirchengestalt nicht pauschal verurteilen. Lange Zeit war sie den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen angemessen. Ich möchte sie auch nicht als oberflächlich abtun. Auch in ihr gab und gibt es tiefen persönlichen Glauben und gelebte Gemeinschaft.

Nur - diese Kirchengestalt geht ihrem Ende entgegen. Das wird nicht morgen oder übermorgen kommen, es kann noch Jahrzehnte dauern. Die Versuche, sie zu stabilisieren, können zwar ihr Ende hinauszögern, aber kaum abwenden. Wichtig ist jedoch: Das Ende einer Gestalt von Kirche bedeutet nicht das Ende der Gemeinde Jesu.

c) Ich fasse die offensichtlichen Schwächen der „alten“ Kirchengestalt zusammen:

-     In theologischer Hinsicht: Weder ein obrigkeitliche Betreuungskirche noch eine Kirche religiöser Dienstleistungen ist per se schon Gemeinde! Von „Gemeinde“ kann man erst dann reden, wenn damit Formen gemeinsamen Lebens verbunden sind, in denen die Gemeinschaft des Glaubens Gestalt gewinnt. In dieser Hinsicht ist die „alte“ Gestalt von Kirche theologisch zu hinterfragen. Gemeindeaufbau wird anders ansetzen: bei der Koinonia.

-     Im Hinblick auf die Situation: Die „alte“ Gestalt von Kirche setzt mehr oder weniger eine volkskirchliche Situation voraus. Sie lebt von einem Umfeld, in dem Kirchenmitgliedschaft noch weithin selbstverständlich ist. Gerade das aber ist in der gegenwärtigen Situation immer weniger gegeben. Eberhard Winkler, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Halle, formuliert seine Erfahrungen so: „Kasualien und Religionsunterricht werden auf die Dauer nicht ausreichen, die ‘Christen in Halbdistanz’ in der Kirche zu halten. Wir haben in der DDR erlebt, wie schnell eine Kasualkirche zusammenbrechen kann“[2].

6. Auf dem Weg zu einer neuen Gestalt von Kirche

In dieser Situation ist es Aufgabe des Gemeindeaufbaus, zur Entwicklung einer neuen Kirchengestalt beizutragen. Dabei geht es nicht um den Traum eines einzelnen Theologen. Es geht um die Entwicklung von Visionen, die aus dem aufmerksamen Hinhören auf Gott und sein Wort und zugleich aus dem sorgfältigen Wahrnehmen der Situation erwachsen. Um zu verhindern, dass hier sich das eigene Wunschdenken Bahn bricht, sind solche Visionen selbstkritisch und in der Gemeinschaft der Glaubenden zu prüfen.

Im Folgenden werde ich versuchen, Umrisse einer solchen Vision zu zeichnen. Ich nenne dazu sechs Kennzeichen der neuen Gestalt von Kirche: 

[weiter...]


(Auszug aus dem Vortrag auf dem Dies Academicus...)

   

Dokumentation des Studientages...

 [Vortrag auf dem Dies Academicus 2004 in Bethel]


[2]Eberhard Winkler, Tore zum Leben. Taufe - Konfirmation - Trauung - Bestattung, Neukirchen-Vluyn 1995, 34.

 




 

  

   
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