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Presse-Echo


Landeskirchen fürchten Fusionen

20.7.06

Bonn/Berlin - Die Debatte über eine radikale Strukturreform der EKD ist eröffnet - es regt sich erheblicher Widerstand gegen die Idee, bis zum Jahr 2030 die Zahl der Mitgliedskirchen von 23 auf acht bis zwölf zu verringern, mit jeweils nicht weniger als einer Million Mitglieder. Die potentiellen Opfer einer Fusion pochen auf ihre Selbständigkeit. "Erst wenn wir feststellen, daß Absprachen und Kooperationen nicht ausreichen, das Evangelium unter die Leute zu bringen, werden wir über eine Fusion mit einer Nachbarkirche nachdenken", sagt etwa der Leiter der Bremischen Kirche (244 000 Mitglieder), Louis-Ferdinand von Zobeltitz.

Der Präsident der Landeskirche Anhalts, Helge Klassohn, warnt vor einer "zentralgesteuerten Großkirche". Relativ entspannt äußerte sich die Evangelische Kirche von Westfalen (2 655 000): Prinzipiell sei man für alle Vorschläge offen. Anders die Lippische Kirche (198 000) mit Sitz in Detmold. Für eine Fusion mit anderen Kirchen sieht sie keine Notwendigkeit. Braunschweig (415 000), Oldenburg (469 000), die evangelisch-reformierte Kirche (188 000) sind wie Schaumburg-Lippe mit der Konföderation zufrieden, die sie mit der Landeskirche von Hannover (3 087 000) bilden. Eine engere Zusammenarbeit streben die Landeskirchen in Mecklenburg (214 000) und Pommern (106 000) an. Offen ist bisher, ob es zu einer Föderation oder einer Fusion kommen soll. Auf klare Distanz zu dem EKD-Reformkonzept geht die sächsische Landeskirche (845 000). 

Fac    

Der neue Reformator

EKD-Chef Huber revolutioniert die Kirchenlandschaft. Zugleich erweist er sich als Integrationsfigur des Protestantismus.

    

von Gernot Facius

   

Der EKD-Ratsvors.

Dr. Wolfgang Huber

(Bild: dpa)

Bonn/Berlin - Politiker könnte er sein. Manager. Er weiß, wie Unternehmensberater und Motivationstrainer ticken. Er kennt deren Sprache. "Qualitätsmanagement", "Mentalitätswandel", "Kernkompetenz", "Aufwärtsagenda" sind für Wolfgang Huber (64) keine Vokabeln von einem anderen Stern. Dem Sozialethiker, Berliner Bischof und Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehen sie mittlerweile so flink von der Zunge wie das Vaterunser.

Als Ratsvorsitzender gilt der 1942 in Straßburg geborene Huber als die Nummer eins des deutschen Protestantismus. Er ist das telegene Gesicht der EKD. Doch die Wirklichkeit ist allemal konkreter. Seine Rolle entspricht eher der des intelligenten Moderators - eines Gremiums aus Delegierten von 23 Landeskirchen, die alle mehr oder weniger auf ihre Souveränität pochen. Gelingt es ihm jedoch, die nun angestoßene "Zukunftsdebatte" so zu lenken, daß eine völlig neue Struktur der evangelischen Kirche herauskommt, wird Huber als der große Reformer in die EKD-Geschichte eingehen. Nur noch acht bis zwölf Landeskirchen bis 2030, orientiert an den Grenzen der großen Bundesländer und mit jeweils nicht weniger als einer Million Mitgliedern, verbunden mit einer Stärkung der Zentrale in Hannover - dieses revolutionäre Projekt soll dem evangelischen Partikularismus und Kirchturmdenken ein Ende machen. Der Zuschnitt der Landeskirchen, ihre Zersplitterung in Lutheraner, Reformierte und Unierte, spiegelt noch immer die Deutschland-Landkarte von 1815 wider. Die "Reformdekade" soll im Januar 2007 in Wittenberg beginnen und 2017 mit dem 500. Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag abgeschlossen sein. Der Reformer und der Reformator - Huber und sein Rat haben eben Sinn für Symbolik.

Aber das Projekt findet nicht nur Zustimmung. Kleinere Landeskirchen gehen auf Distanz. Kooperationen, Föderationen ja, Fusionen nein. Symptomatisch die Reaktion der mit 55 000 Mitgliedern kleinsten EKD-Mitgliedskirche Anhalts (Sitz Dessau): Das Kirchengebiet gebe Heimat, das Bundesland nicht. "Lähmend und nicht ermutigend" nennt Eberhard Cherdron (Speyer), Kirchenpräsident der pfälzischen Kirche (617 000 Mitglieder) bestimmte Passagen des Papiers. In der EKD sei bisher nicht offen und transparent über Sachfragen einer Reform gesprochen worden, hallt es dem Kirchenchef entgegen.

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Wolfgang Huber ist erst seit 2003 der Ratsvorsitzende. 1997 war der eloquente frühere Heidelberger und Marburger Theologieprofessor ein vermeintlich sicherer Favorit für den Spitzenposten. Er unterlag bei der Wahl dem damals relativ unbekannten rheinischen Präses Manfred Kock. Sechs Jahre mußte der Ehrgeizige auf seine zweite Chance warten. 2003 in Trier war es soweit. Die Synodalen trauten ihm am ehesten zu, die Strukturreform beherzt anzupacken und sie mit einer geistlichen Erneuerung, auch des Pfarrerstandes, zu verbinden. An dieser Aufgabe wird Huber gemessen werden. Er hat nicht viel Zeit: 2009 endet seine Amtsperiode, eine Wiederwahl scheidet aus Altersgründen aus. Seine Landeskirche von Berlin-Brandenburg hat er mit der der schlesischen Oberlausitz vereinigt - ein Signal an die Zaudernden: Schaut her, es geht doch!

Anders als sein Vorgänger Kock ist Huber ein Mann für die Medien: fast immer erreichbar, rhetorisch geschult, messerscharf formulierend. Die Talkshows reißen sich um ihn. Mit seinem katholischen Gegenüber, Kardinal Karl Lehmann, wetteifert er um den ersten Platz beim Bekanntheitsranking. Es geht Schlag auf Schlag. Auf das "Impulspapier" für eine EKD-Reform folgte eine Denkschrift zur Armut in Deutschland. Fast täglich ist er mit Statements präsent: zur Bioethik, zum Arbeitsmarkt, zur Ökumene, zum Islam. Die Zeit der naiven Multireligiösität sei vorbei, verkündet er immer wieder, hat aber als erster prominenter Kirchenführer Anfang 2005 einen "Dialog der Klarheit" mit Vertretern muslimischer Organisationen aufgenommen. Huber will, daß die Kirche politisch nicht stumm bleibt. Er mischt sich ein. Er sucht differenzierte Antworten auf die Fragen der Zeit. Blinde Globalisierungskritik ist ihm nicht zu entlocken. Als Theologieprofessor und Kirchentagspräsident war er in den achtziger Jahren der große Polarisierer. Eine Symbolfigur der protestantischen Linken. Ein Widerpart des damaligen evangelischen Verteidigungsministers Hans Apel (SPD). Ein wortmächtiger Gegner der Nato-Politik der nuklearen Abschreckung und der Nachrüstung. Im Antikommunismus sah Huber die Wurzel der Unversöhnlichkeit, das Haupthindernis für Frieden und Verständigung. Nach 1990 dachte er daran, für die Heidelberger SPD für den Bundestag zu kandidieren. Er ließ den Gedanken fallen und bewarb sich 1993 für das Bischofsamt in Berlin. Im fünften Wahlgang hatte er Erfolg. Das "heidnische" Berlin wurde zu Hubers persönlicher Erfahrungswerkstatt. Seither warnt er vor einer kirchlichen "Selbstsäkularisierung", er gibt zu, an der Anpassung der Kirche an den Zeitgeist mitbeteiligt gewesen zu sein. Die Evangelikalen, die Bibeltreuen, früher seine schärfsten Kritiker, loben ihn heute für sein Bekenntnis zur Mission und sein Eintreten für einen qualifizierten Religionsunterricht.

Wolfgang Huber hat es wider alle Ressentiments geschafft, in noch nicht einmal drei Jahren an der Spitze der EKD die Integrationsfigur des landeskirchlichen Protestantismus zu werden. Dietrich Bonhoeffer, der "evangelische Heilige", ist das große Vorbild. Im Berliner Arbeitszimmer des Bischofs steht eine Bonhoeffer-Büste. "Mal lächelt er mich an, mal grollt er mit mir", sagt Huber.

Artikel erschienen am Do, 20. Juli 2006

 

   

 Diese Artikel sind entnommen worden von der Online-Ausgabe von "Die Welt".

 (Qu: Die Welt)

    

 

 

  

   
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