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Als
Ratsvorsitzender gilt der 1942 in Straßburg geborene Huber als
die Nummer eins des deutschen Protestantismus. Er ist das
telegene Gesicht der EKD. Doch die Wirklichkeit ist allemal
konkreter. Seine Rolle entspricht eher der des intelligenten
Moderators - eines Gremiums aus Delegierten von 23
Landeskirchen, die alle mehr oder weniger auf ihre Souveränität
pochen. Gelingt es ihm jedoch, die nun angestoßene
"Zukunftsdebatte" so zu lenken, daß eine völlig neue
Struktur der evangelischen Kirche herauskommt, wird Huber als
der große Reformer in die EKD-Geschichte eingehen. Nur noch
acht bis zwölf Landeskirchen bis 2030, orientiert an den
Grenzen der großen Bundesländer und mit jeweils nicht weniger
als einer Million Mitgliedern, verbunden mit einer Stärkung der
Zentrale in Hannover - dieses revolutionäre Projekt soll dem
evangelischen Partikularismus und Kirchturmdenken ein Ende
machen. Der Zuschnitt der Landeskirchen, ihre Zersplitterung in
Lutheraner, Reformierte und Unierte, spiegelt noch immer die
Deutschland-Landkarte von 1815 wider. Die
"Reformdekade" soll im Januar 2007 in Wittenberg
beginnen und 2017 mit dem 500. Jahrestag von Martin Luthers
Thesenanschlag abgeschlossen sein. Der Reformer und der
Reformator - Huber und sein Rat haben eben Sinn für Symbolik.
Aber
das Projekt findet nicht nur Zustimmung. Kleinere Landeskirchen
gehen auf Distanz. Kooperationen, Föderationen ja, Fusionen
nein. Symptomatisch die Reaktion der mit 55 000 Mitgliedern
kleinsten EKD-Mitgliedskirche Anhalts (Sitz Dessau): Das
Kirchengebiet gebe Heimat, das Bundesland nicht. "Lähmend
und nicht ermutigend" nennt Eberhard Cherdron (Speyer),
Kirchenpräsident der pfälzischen Kirche (617 000 Mitglieder)
bestimmte Passagen des Papiers. In der EKD sei bisher nicht
offen und transparent über Sachfragen einer Reform gesprochen
worden, hallt es dem Kirchenchef entgegen.
Wolfgang
Huber ist erst seit 2003 der Ratsvorsitzende. 1997 war der
eloquente frühere Heidelberger und Marburger Theologieprofessor
ein vermeintlich sicherer Favorit für den Spitzenposten. Er
unterlag bei der Wahl dem damals relativ unbekannten rheinischen
Präses Manfred Kock. Sechs Jahre mußte der Ehrgeizige auf
seine zweite Chance warten. 2003 in Trier war es soweit. Die
Synodalen trauten ihm am ehesten zu, die Strukturreform beherzt
anzupacken und sie mit einer geistlichen Erneuerung, auch des
Pfarrerstandes, zu verbinden. An dieser Aufgabe wird Huber
gemessen werden. Er hat nicht viel Zeit: 2009 endet seine
Amtsperiode, eine Wiederwahl scheidet aus Altersgründen aus.
Seine Landeskirche von Berlin-Brandenburg hat er mit der der
schlesischen Oberlausitz vereinigt - ein Signal an die
Zaudernden: Schaut her, es geht doch!
Anders
als sein Vorgänger Kock ist Huber ein Mann für die Medien:
fast immer erreichbar, rhetorisch geschult, messerscharf
formulierend. Die Talkshows reißen sich um ihn. Mit seinem
katholischen Gegenüber, Kardinal Karl Lehmann, wetteifert er um
den ersten Platz beim Bekanntheitsranking. Es geht Schlag auf
Schlag. Auf das "Impulspapier" für eine EKD-Reform
folgte eine Denkschrift zur Armut in Deutschland. Fast täglich
ist er mit Statements präsent: zur Bioethik, zum Arbeitsmarkt,
zur Ökumene, zum Islam. Die Zeit der naiven Multireligiösität
sei vorbei, verkündet er immer wieder, hat aber als erster
prominenter Kirchenführer Anfang 2005 einen "Dialog der
Klarheit" mit Vertretern muslimischer Organisationen
aufgenommen. Huber will, daß die Kirche politisch nicht stumm
bleibt. Er mischt sich ein. Er sucht differenzierte Antworten
auf die Fragen der Zeit. Blinde Globalisierungskritik ist ihm
nicht zu entlocken. Als Theologieprofessor und Kirchentagspräsident
war er in den achtziger Jahren der große Polarisierer. Eine
Symbolfigur der protestantischen Linken. Ein Widerpart des
damaligen evangelischen Verteidigungsministers Hans Apel (SPD).
Ein wortmächtiger Gegner der Nato-Politik der nuklearen
Abschreckung und der Nachrüstung. Im Antikommunismus sah Huber
die Wurzel der Unversöhnlichkeit, das Haupthindernis für
Frieden und Verständigung. Nach 1990 dachte er daran, für die
Heidelberger SPD für den Bundestag zu kandidieren. Er ließ den
Gedanken fallen und bewarb sich 1993 für das Bischofsamt in
Berlin. Im fünften Wahlgang hatte er Erfolg. Das
"heidnische" Berlin wurde zu Hubers persönlicher
Erfahrungswerkstatt. Seither warnt er vor einer kirchlichen
"Selbstsäkularisierung", er gibt zu, an der Anpassung
der Kirche an den Zeitgeist mitbeteiligt gewesen zu sein. Die
Evangelikalen, die Bibeltreuen, früher seine schärfsten
Kritiker, loben ihn heute für sein Bekenntnis zur Mission und
sein Eintreten für einen qualifizierten Religionsunterricht.
Wolfgang
Huber hat es wider alle Ressentiments geschafft, in noch nicht
einmal drei Jahren an der Spitze der EKD die Integrationsfigur
des landeskirchlichen Protestantismus zu werden. Dietrich
Bonhoeffer, der "evangelische Heilige", ist das große
Vorbild. Im Berliner Arbeitszimmer des Bischofs steht eine
Bonhoeffer-Büste. "Mal lächelt er mich an, mal grollt er
mit mir", sagt Huber.
Artikel
erschienen am Do, 20. Juli 2006
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