Kirche der Freiheit | Zukunftskongress der EKD ...

Zukunftskongress 

der EKD

Kirche der Freiheit

Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert

Presse-Echo


Leuchtfeuer für das Jahr 2030

    

VISIONEN / Die evangelische Kirche plant ihre Zukunft. Wie könnte sie in einer Generation aussehen? Der RM entwirft ein Szenario...

In dieser Woche stellt die EKD in Berlin ein Impulspapier zu ihrer Entwicklung vor. Hier ist zu lesen, was vielleicht bald geschehen wird.

6.7.2006, von WOLFGANG THIELMANN

   

Als der greise Altbischof und spätere Bundespräsident Wolfgang Huber im April 2030 auf dem Missionale-Kongress der Evangelischen Kirche in Nordwestdeutschland ans Pult tritt, wird es still in der Arena Auf Schalke. „Wir hatten viel vor in diesem bewegten Jahr 2006“, sagt er, „es war Fußballweltmeisterschaft unter dem Motto ,Die Welt zu Gast bei Freunden', und das schien uns auch ein passendes Motto für den Aufbruch, der geschehen musste.“

SEH-ZEICHEN: Die Protestanten wollen ihren Kurs klären. Dafür haben sie jetzt erstmals gemeinsam einen Plan entworfen. 

Foto: Stefan Schorr    Qu: www.merkur.de 

Und er wird leiser und sagt: „Wir hatten Sorgen: Das Geld schien auszugehen, und unsere Kräfte waren viel zu sehr darauf ausgerichtet, den Bestand zu sichern, der doch über kurz oder lang so nicht zu sichern war. Wir sahen uns auf dem Weg in ein selbst gewähltes Ghetto. Doch der visionäre Verwaltungsexperte Eckhart von Vietinghoff, der schon eine Strukturreform initiiert hatte, machte uns auch diesmal Mut: In der Kirche sei die Zeit da für denRuck, den einer meiner Vorgänger, Roman Herzog, schon früher in der gesamtenGesellschaft gefordert hatte, für eine neue Hinwendung zu Gott und zur Welt.“ Er macht eine Pause und fährt fort:„Ich zögere nicht zu sagen, dass Gott uns auf dem Weg gesegnet hat. Im Vertrauen darauf entstand damals ein Impulspapier“ (Auszüge siehe unten).

   

Zwar ist die evangelische Kirche nicht mehr in jedem Ort vertreten. Doch das hat ihrer Präsenz nur genutzt. Die 16000 Pfarrer, 4000 weniger als vor einer Generation, haben von einer Reform des Theologiestudiums profitiert und widmen sich vor allem der Motivation ihrer Ehrenamtlichen. Und sie machen Hausbesuche. 1000 von ihnen sind über die Nachqualifikation ins Pfarramt gekommen; vorher waren sie Personalchefs, Diakonissen, Immobilienmakler und Dramaturgen. Etwa um das Jahr 2017, zum 500. Jubiläum der Reformation, war die Wende deutlich spürbar. Mehr Laien ließen sich zur Mitarbeit motivieren. Kaum ein Pfarrer oder eine Pfarrerin beschäftigte sich noch mit Finanzen. 2010 lief die erfolgreichste Kampagne zusammen mit der katholischen und der orthodoxen Kirche unter demThema „Einkaufen? Sonntags nie“, nachdem 2007 das Ladenschlussgesetz gestrichen worden war, was damals die Kirchen als Niederlage empfanden. Aber dass es unter der christlichen Bevölkerung inzwischen zum gutenTon gehört, sonntags kein Geschäft aufzusuchen, hat auch die Spitzenverbände des Handels nachdenklich gemacht. Ebenso, dass an den sonntags geschlossenen Läden erkennbar ist, dass die Eigner zu einer Kirche gehören.

   

Lutheraner nach Wittenberg

   

Vor allem tritt die evangelische Kirche an überragenden Gebäuden in Erscheinung: In der Wittenberger Schlosskirche wird jährlich der Deutsche Predigtpreis verliehen. Die Stadt hat sich zu einem evangelischenZentrum entwickelt, nachdem um die Jahrtausendwende nur noch eine Minderheit evangelisch war. Dank ihrer Bekanntheit in der ganzen Welt hat sie Lutheraner von überall her angezogen, bis 2020 auch der Lutherische Weltbund sein Zentrum nach Wittenberg verlegte. Nach wie vor kommt der Bundestag zu seinen großen Feiern in den Berliner Dom oder in die katholische St.-Hedwigs-Kathedrale. Der wöchentliche Ethik-Talk auf Arte wird aus der Marktkirche in Hannover übertragen. Nur die Frauenkirche in Dresden, 2005 mit einem bewegenden Fest wieder eingeweiht, musste säkularisiert werden. Die immensen Betriebskosten waren nicht mehr aufzubringen, nachdem die Trompetenstöße der Stifterriege um Ludwig Güttler schwächer wurden. Immerhin, es finden nach wie vor Gottesdienste statt.

    

Dafür wurde die Paulskirche in Frankfurt wieder belebt; sie ist die deutsche Asylkirche geworden. Die Dome in den zur früheren rheinischenKirche gehörenden Orten Altenberg und Wetzlar, Letzterer im Herzen der Republik, haben sich zu Ökumenekirchen entwickelt, weil beide eine evangelische und eine katholische Gemeinde beherbergen. In Leipzig wird das Erbe des frommen Johann Sebastian Bach gepflegt, des meistgespielten Komponisten der Welt, und im schwäbischen Holzgerlingen hat der evangelikale Hänssler Verlag seine Rolle als weltweit führender Bach-Verlag noch ausgebaut. Nur die Hälfte der evangelischen Kirchengemeinden ist noch wiederzuerkennen. Vor allem in den Städten gibt es Kultur-, Künstler- und After-Work-Kirchen, im Hamburger Michel führt die Max-Weber-Stiftung denDialog mit der Wirtschaft. Die evangelikale Bewegung hat in ihren Seminaren reisende Pastoren ausgebildet, die viele der verstreutenDorfkirchen aufsuchen. Die frühere Deutsche Zeltmission hat zur „Christian Event Marketing“ gAG umfirmiert.

    

Zehn große Landeskirchen

   

Und im Lauf der Jahre hat sich die evangelische Kirche zum Marktführer bei privaten Schulen, Kindertagesstätten und, gemeinsam mit der katholischen, bei Krankenhäusern entwickelt. Es war ein anstrengender Weg, in größerem Stil kommunale Krankenhäuser zu übernehmen und nur zwei Drittel der Beschäftigten weiter beschäftigen zu können. Aber dass die Bleibenden nach der inneren Einstellung des neuenTrägers fragten, hat die Entwicklung wieder erleichtert. Auch, dass die Zahl der Protestanten nach 2017 wieder gestiegen ist, gegen den allgemeinenTrend, und dass sich 45 Prozent der Deutschen zu einer evangelischenKirche zählen.

    

Fast beiläufig erwähnt Huber, dass es früher 23 statt der jetzt zehn evangelischen Landeskirchen gab, deren Grenzen die Landkarte von 1814 widerspiegelten – ein Kuriosum der Geschichte. „Wir haben es gehofft, aber wir hätten nicht sagen können, dass wir vom Wandel überzeugt waren“, sagt Huber über den Tag, an dem er einen Perspektivplan vorstellte, in dem viele dieser Entwicklungen vorausgedacht wurden: „Es war der 6. Juli 2006; es zog ein Wetterleuchten über Deutschland, aber weil Ferien waren, erreichten wir zunächst nicht sehr viele Menschen mit den Überlegungen, die wir zu 12 ,Leuchtfeuern' verdichtet hatten.“

   

Und er erinnert an ein Gedicht des DDR-Poeten Reiner Kunze über ein evangelisches Pfarrhaus: „Wer da bedrängt ist findet/ mauern, ein/ dach und/muss nicht beten.“ Aber, fügt Huber hinzu: „Heute würde Kunze nicht versäumen zu sagen, dass der, der da Zuflucht findet, immer weiß, dass für ihn gebetet wird.“

   

    

IM WORTLAUT

Wachstum

   

Bei einem gleichmäßigen und vermeintlich gerechten Abschmelzen aller bisherigen Aktivitäten schrumpft die evangelische Kirche auf ein immer niedrigeres Niveau. Bei einem aktiven Umbauen wird ein Wachsen gegen den Trend möglich.

   

Pfarrer

   

Pfarrer bleiben, vor allem durch ihre Zuständigkeit für Amtshandlungen, die wichtigsten Ansprechpartner für die Menschen. Sie werden die Erreichbarkeit verbessern und ein neues Selbstbewusstsein als wandernde Prediger entwickeln, die für die frühe Christenheit von entscheidender Bedeutung waren. Eine sinnvolle Zielvorgabe für das Jahr 2030 ist eine Zahl von 16500 Pfarrern bei 26 Millionen Mitgliedern. Die Gewinnung von Ehrenamtlichen gehört zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben.

   

Themen

   

Die evangelische Kirche stellt bis zum Reformationsjubiläum 2017 jährlich eine spezifische Thematik in den Vordergrund. Andere vorwärts weisende Themen könnten sein:eine Zukunftskonferenz, ein Wettbewerb um die fünfzig überzeugendsten Missionsideen, eine Profilierung der fünfzig bedeutendsten evangelischen Kirchen, eine Sammlung von hundert innovativen Ideen für die Förderung von Kirchengebäuden, ein Kulturpreis des Protestantismus. Dazu initiiert die EKD zwölf inhaltliche Kompetenzzentren. Ihre Einnahmen aus Mitteln neben der Kirchensteuer sollten 2030 20 Prozent aller Mittel ausmachen.

   

Grenzen

   

Im Jahr 2030 sollte es zwischen acht und zwölf Landeskirchen geben, die an den Grenzen der großenBundesländer orientiert sind und jeweils nicht weniger als eine Million Mitglieder haben.

   

   

 Diese Artikel sind entnommen worden von der Online-Ausgabe von "Rheinischer Merkur".

 (Qu: Merkur.de)

   

 

  

   
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