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Harmlos
als "Impulspapier" kommt es daher - doch wenn es
verwirklicht werden sollte, käme es einer Revolution in der
Evangelischen Kirche Deutschlands gleich: Zwölf Frauen und Männer,
"Perspektivkommission" genannt, haben im Auftrag der
EKD-Spitze ein Papier erarbeitet, das heute veröffentlicht
wird. Es fordert nichts weniger als den radikalen Umbau der
zweitgrößten Volkskirche im Lande Luthers.
Der
Segen dazu kommt von fast ganz oben: Der EKD-Ratsvorsitzende,
Bischof Wolfgang Huber, war Mitglied der Kommission und befürwortet
mit Verve den Umbau an, biblisch gesprochen, Haupt und Gliedern
der Kirche.
Das
Diskussionspapier mit dem Namen "Kirche der Freiheit.
Perspektiven für die evangelische Kirche im 21.
Jahrhundert" blickt weit in die Zukunft. Es entwirft auf
110 Seiten das Wunschbild der evangelischen Kirche im Jahr 2030
- und zeigt auf, wie diese Kirche vielleicht erreicht werden könnte.
Gespickt ist der Text mit dem Vokabular von Unternehmensberatern
und Motivationstrainern ("Kompetenzzentren",
"Investieren in zukunftsverheißende Arbeitsgebiete",
"Aufwärtsagenda", "balanced scorecard",
"Qualitätsmanagement", "good/bad practice",
"angestrebter Mentalitätswandel"), garniert mit
passenden Bibelzitaten, etwa vom "Licht der Welt"
(Lukas, 11, 33). Eine theologische Streitschrift ist das Papier
jedoch nicht, sondern vor allem eine schonungslose Analyse der
Lage und voraussichtlichen Zukunft der EKD - und beides ist
einigermaßen trist:
"Wenn
die heute erkennbaren Trends einfach fortgeschrieben werden müssten,
so würde nach manchen Einschätzungen die evangelische Kirche
im Jahr 2030 ein Drittel weniger Kirchenmitglieder und nur noch
die Hälfte der heutigen Finanzkraft haben", schreibt
Bischof Huber schon im Vorwort.
In
Zahlen ausgedrückt: Von derzeit etwa 26 Millionen evangelischen
Christinnen und Christen blieben in knapp 25 Jahren nur noch 17
Millionen übrig - manche Landeskirche hätte dann weniger als
die Hälfte ihrer jetzigen Mitglieder. Das Durchschnittsalter
stiege auf 50 Jahre, heute sind es noch 44 Jahre. Derzeit nimmt
die EKD jährlich 4 Milliarden Euro durch Kirchensteuer und
vergleichbare Abgaben von Arbeitslosen und Rentnern ein. Im Jahr
2030 wären es nur noch etwa 2 Milliarden, gerechnet am heutigen
Geldwert.
Was
tun? Die Perspektivkommission empfiehlt, in die Offensive zu
gehen, einerseits durch inhaltliche, andererseits durch
strukturelle Neuerungen: Das "evangelische Profil"
soll gestärkt werden, etwa mit der Forderung, die Mission zu
verstärken oder "das diakonische Handeln mehr mit
katechetischen Elementen zu verbinden" - nach dem Motto:
Tut Gutes, aber redet dabei auch von Gott. Manches bleibt dabei
schwammig, einiges scheint bewusst unklar ausgedrückt zu sein.
So beispielsweise die Aussage: "Die Aufgabe, Frieden zu
sichern und zu fördern, wird neue Formen annehmen."
Am
brisantesten aber dürfte eine strukturelle Veränderung sein,
die die Kommission empfiehlt: Im Jahr 2030 soll es nur noch
zwischen acht und zwölf Landeskirchen in Deutschland geben -
derzeit sind es 23. Dazu gehören Kleinstkirchen wie die
Landeskirche von Anhalt, der zur Zeit nur noch 55.000 Gläubige
angehören. Wer jedoch erlebt, welche jahrelangen Anstrengungen
es bedurfte, allein die Kirche von Berlin-Brandenburg mit der
von der schlesischen Oberlausitz zu vereinigen, weiß, was auf
die EKD zukommt: ein gar nicht so brüderliches Hauen und
Stechen.
So
ist denn das Diskussionspapier erst einmal als Impuls gedacht,
der dann doch von den vielen Gremien der basisdemokratisch
verfassten EKD nach und nach besprochen und beschlossen werden
soll.
Der
Text wird als nächstes im großen Rahmen auf einem
"Zukunftskongress" der EKD Ende Januar kommenden
Jahres in Wittenberg diskutiert. In einer dort zu erarbeitenden
"Aufwärtsagenda" sollen die Kernpunkte enthalten
sein, "auf deren Grundlage der deutsche Protestantismus die
Dekade bis zum Lutherjubiläum 2017 mit frischen Impulsen
gestalten wird", wie Huber schreibt. Der Weg, den die
evangelische Kirche gehen muss, ist also noch lang
taz
vom 6.7.2006, S. 6, 146 Z. (TAZ-Bericht), PHILIPP GESSLER
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