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Hannover
(epd). Der Präsident des Landeskirchenamtes Hannover, Eckhart
von Vietinghoff, hält weit reichende Reformen in der
evangelischen Kirche für unverzichtbar. Das neue
Perspektivenpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
gebe Anstoß für eine "streitige Diskussion" über
die Zukunft der Kirche im 21. Jahrhundert, sagte der
Kirchenjurist in einem epd-Interview. Das Papier sei jedoch kein
"Masterplan". Die Fragen an Vietinghoff, der eine
engere Verzahnung von EKD und konfessionellen Zusammenschlüssen
angestoßen hatte, stellte Rainer Clos.
epd:
Mit hochgesteckten Zielen will der Rat der EKD die evangelische
Kirche langfristig zukunftstauglich machen. Was ist aus Ihrer
Sicht die Hauptbotschaft des Positionspapiers "Kirche der
Freiheit"?
Vietinghoff:
Wir sagen erkennbarer, wer wir sind und was wir wollen: Evangelisch
aus gutem Grund und auf gutem Grund. Die evangelische Kirche
agiert, sie gestaltet Zukunft aktiv und reagiert nicht nur,
folgt nicht nur bänglich den rasanten gesellschaftlichen
Veränderungen. Und: Die Ortsgemeinde
bleibt wichtig, doch muss Zielgerichteteres und
Fantasievolleres angeboten werden für die sehr vielen Menschen,
denen die Ortsgemeinde nichts gibt.
epd:
Halten Sie es für realistisch, dass die Zahl der evangelischen
Landeskirchen von derzeit 23 auf acht bis zwölf im Jahr 2030
verringert werden kann?
Vietinghoff:
Landeskirchen sind kein Selbstzweck,
sondern nur Mittel zu dem Zweck, ein umfassendes inhaltliches
Angebot für die Kirchengemeinden und Kirchenkreise
bereitzustellen. Dass dies angesichts der so extrem
disparaten Kirchengrößen zwischen 60.000 und 3,1 Millionen
Mitgliedern schon jetzt nicht überall gelingt und in Zukunft
noch viel weniger gelingen wird, liegt auf der Hand. Die
Orts- und Menschennähe einer Landeskirche hängt auch nicht von
ihrer Kleinheit ab, sondern allein von ihrer inneren
Aufgabenverteilung. Das Ziel
und die Zeitachse sind also realistisch. Über die konkreten
Formen des Zusammengehens wird man von Fall zu Fall reden können.
epd:
Ein weiteres kühnes Ziel betrifft die Beteiligung an den
kirchlichen Kernangeboten. Bei Gottesdienst, Taufe und Trauung
will die evangelische Kirche ein "Wachsen gegen den
Trend" einleiten. Wie soll das erreicht werden?
Vietinghoff:
Das kann gelingen durch allerbeste Qualität in diesen
menschennahen Angeboten, zu denen ich ausdrücklich auch die
Beerdigungsgottesdienste zähle. Was heißt
Qualität? Klarheit und Wiedererkennbarkeit in der
liturgischen Form, Sicherheit und Stil in der konkreten Durchführung,
Ehrlichkeit und Prägnanz in der Sprache und über und vor
diesem allen ansteckende Glaubenszuversicht.
epd:
Zugleich lässt das Papier keinen Zweifel daran, dass es in
einigen Arbeitsfeldern der evangelischen Kirche Überdehnungen
gibt. Auf welche kirchlichen Arbeitsgebiete sollen sich die Kräfte
künftig konzentrieren?
Vietinghoff:
Durchforsten wir zunächst sämtliche eher administrativen
Aufgaben nach dem Motto: Es reicht doch, wenn dies einer für
alle, statt jeder für sich macht. Zum
Beispiel genügt ein EKD-weites Pfarrerdienstrecht,
Mitarbeiterrecht, etc. In der Diakonie werden wir
selbstkritischer prüfen müssen, ob "Masse" immer
auch erkennbar evangelische "Klasse" ist. Um "Ehrenamtstauglicher"
zu werden, brauchen wir klarere und einfachere
Entscheidungsstrukturen und eine bessere Schulung der
Hauptamtlichen.
Inhaltliche
Vorgaben dagegen, was zu tun und zu lassen ist, darf es aber nur
als weiten Rahmen geben. Evangelisch sein heißt, die Vielfalt
nicht seufzend zu ertragen, sondern als Reichtum zu gestalten. So
verstehe ich dieses Positionspapier auch nicht als
abzuarbeitenden Masterplan, sondern als munteren Startschuss
einer hoffentlich streitigen und dadurch folgenreichen
Diskussion.
06.
Juli 2006
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