|
Das
Impulspapier der EKD löst bei einem interessierten Oldenburger,
der in der eigenen Kirche seit etwa 10 Jahren an Strukturfragen
arbeitet, starke Ambivalenzen aus. Da sind zum einen
Richtigkeiten und Selbstverständlichkeiten, die wir -
allerdings ohne Erfolg - in Oldenburg seit 1998
("Gelbes
Papier") propagieren. Dabei geht es um eine innere
Strukturveränderung der kirchlichen Arbeit
(Aufgabenorientierung, Zielgruppendefinition, Evaluation, Qualitätsmanagement),
die erhebliche Auswirkungen oder Voraussetzungen für das Verständnis
von Gemeinde und Pfarramt haben würde.
Zum anderen enthält das Impulspapier mit seiner Verliebtheit im
Zahlensymbolismus aber auch Ärgerlichkeiten, die unnötig wären.
Der Titel 'Kirche der Freiheit' provoziert jeden ökumenischen
Theologen und mit der Definition einer Landeskirche als der
"symbolischen regionalen Repräsentanz des
Protestantismus" sollten wir uns in der Ökumene besser
nicht blicken lassen. Das Papier lässt jeden substantiellen,
kritischen Religionsbegriff vermissen, es sei denn, die
Emotionen in der Westkurve bei Borussia Dortmund sollen die
neuen Paradigmen evangelischer Frömmigkeit sein. So wirkt das
Impulspapier wie ein Gesellenstück aus der Tunning-Werkstatt
des ekklesiologischen Neoliberalismus.
Der zentralistische Gestaltungswahn der Verfasser ist mehr als
irritierend. Wie der Gottesdienstbesuch von 4 % (in Oldenburg
2,5 %) auf 10 % gesteigert werden soll, bleibt ein Geheimnis und
lässt vermuten, dass eher die Manager eines Automobilkonzerns
am Werke waren. Allerdings ist es auch bezeichnend, dass die
drei Sätze über die Zahl der Landeskirchen die größte
Resonanz erzielt haben. O. K., die Zahl 8- 12 Kirchen ist wohl
einfach aus der Föderalismusdiskussion im Bund abgekupfert,
dennoch ist eine Reform der Landeskirchen überfällig. Nur,
diese muss aufgabenorientiert gemacht werden. Lassen wir einmal
die Albernheiten, wie man sie aus Dessau hört (Anhalt mit
53.000 Gemeindegliedern), wo die Tradition des Fürstentums
beschworen wird, beiseite, so bleibt doch die Einsicht, dass
Fusionen am grünen Tisch in so traditionsbelasteten
Institutionen wie den evang. Landeskirchen nicht klappen.
Feindliche Übernahmen sind ebenso wenig verheißungsvoll.
Notwendig sind verstärkte, arbeitsteilige Kooperationen und die
Verstärkung der Konföderation in Niedersachsen. Die
Entmachtung der Konföderationssynode vor einigen Jahren war da
allerdings sehr kontraproduktiv. M. a. W. Oldenburg müsste
selbst aktiv werden mit Vorschlägen zur Neugestaltung der
niedersächsisch/bremischen Kirchenlandschaft.
Was
ist nun neu in der Strukturdebatte in Oldenburg und anderswo?
Die Zeit des Malens von Leitbildern ist vorbei, es geht um
Entscheidungen, die operationalisierbar sind. Kirche ist ein
theologisches, organisatorisches und finanzielles System. Veränderungen
müssen alle drei Strukturen bedenken und berücksichtigen.
Aurelius Augustinus wünschte sich, dass über allen Gemeinden
die Einsicht schweben solle: "Wir lassen uns gemeinsam auf
Veränderungen ein." Wenn denn eine evangelische Kirche
wirklich "Kirche der Freiheit" sein sollte, wird sie
zudem von der Unverfügbarkeit des Geistes Gottes wissen, auf
den sie angewiesen bleibt.
Ihr
Dieter Qualmann |