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Thesen
für ein (neues) Verständnis einer unserer wichtigsten
„Ressourcen“ – Anregungen zum Weiterdenken...
„Die
Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen“, dass hatte unser künftiger
juristischer Oberkirchenrat, Wolfram Friedrichs, bei seiner
Vorstellung während der diesjährigen Maisynode sehr schön auf
den Punkt gebracht. Kirche ist eben viel mehr als nur Zahlen,
Fakten und Verwaltung – Kirche lebt von, durch und mit
Menschen und Kirche wächst vor allen von, durch und mit Hilfe
des Heiligen Geistes. Dennoch hat Pfr. Qualmann auch in seiner
Einführungsrede der Beschlussvorlagen der Steuerungsgruppe
zurecht darauf hingewiesen, dass die Kirche zugleich eben auch
ein organisatorisches und finanzielles System ist. Aber kann man
die Jugendarbeit als „Ressource“ zu bezeichnen? Wenn ich
diesen Begriff einmal provokant den Thesen vorausschiebe möchte
ich damit vor allem anregen, zumindest einmal darüber
nachzudenken, welche Rolle als „Grundkapital“ die Jugend für
eine „Kirche von morgen“ bedeutet – und damit meine ich
die Jugendlichen von heute nicht als künftige
Kirchensteuerzahlen, sondern möchte auf das zukünftige
geistige und geistliche „Kapital“ oder „KnowHow“
hingewiesen wissen. Das Mitarbeiten in der Evangelischen Jugend
vermittel meiner Meinung nämlich nicht nur „Schlüsselqualifikationen“
oder wertvolle „soft skills“ für den weiteren Lebens- oder
Berufsweg jeder/s Einzelnen, sondern prägt auch die
„manpower“ oder die „Betriebsphilosophie“ der Kirche von
morgen. Aber dazu gleich mehr.
Wenn
man die Frage „Was ist Evangelische Jugend“ ließt, könnte
man natürlich auch erstmal eine Frage nach dem Profil samt
Grundsatzdiskussion erwarten: Wie evangelisch ist die
Evangelische Jugend (noch)? Was genau ist das Evangelische an
ihr? Wo zeigt es sich? Und, und, und... Aber diese Thematik möchte
ich bei diesen Thesen einmal ausgeklammert wissen. Auf diverse
Qualitätsstandarts werde ich noch an anderer Stelle eingehen
und das Selbstverständnis von Evangelischer Jugend kann man überdies
schön oder peppig formuliert exemplarisch bei den Evangelischen
Jugenden wie Oldenburg, Hannover oder Braunschweig nachlesen.
Die
Frage „Was ist Evangelische Jugend“ könnte natürlich auch
Tor und Tür für die anstehenden Strukturveränderungen öffnen.
Diese Fragestellung spielt sicherlich auch in meine Thesen
hinein, soll aber ebenfalls nicht den Schwerpunkt bilden.
Halten
wir aber eingangs einmal fest: Die Evangelische Jugend ist bund
unt vielfältig. Dies zeigt sich vorallem in der vielfältigen
Form, wie Evangelische Jugend auf den Plan tritt:
Das
gibt es zum einen die Gemeindejugendarbeit in ihrer bunten
Vielfalt und die Bestrebungen Evangelische Jugenden wie die ejo
oder die ejh als Verbandsstrukturen mit den jeweils nötigen
Untergliederungen zu verstehen und zu etablieren. Dann gibt es
natürlich auch noch die sog. „
Verbände eigener Prägung“,
wie z.B. den CVJM (Christlicher Verein junger Menschen), den EC
(Entschieden für Christus) oder den VCP (Verband Christlicher
Pfadfinderinnen und Pfadfinder). In
über 25 Jahren hat exemplarisch auch die
Arbeitsgemeinschaft Christlicher Schüler (ACS) in
der Ev.-luth. Kirche Hannovers ihr eigenes Profil von
Jugendarbeit entwickelt und ist ebenfalls als „Verband eigener
Prägung“ in deren Jugendkammer vertreten.
Ferner
weist die Evangelisch Jugend in ihrer breiten Palette noch
Facetten in den Missionarischen Diensten, in der Kirchenmusik
oder im kulturellen Bereich (Theatergruppen etc.) auf.
Es
gibt auch Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen im Umfeld der
Evangelischen Jugend, die sich zurecht auch den Status eines
eigenen und zu würdigen und wertzuschätzenden Wirkungs- und
Handlungsbreiches verdient gemacht haben, wie z.B. „
Kirche mit
Kinder“ oder die „
Konfirmandenzeit“
(Konfirmandenunterricht war vorvorgestern).
Wenn
man aber die breite Paletten von Wirkunsäußerungen der
Evangelischen Jugend bestaunt, wurde ich aber in der
Vergangenheit auch stets nicht müde, klar zu differenzieren,
was nicht mehr Evangelische Jugend ist.
Wenn
ein Pastor oder eine Pastorin in irgendeinem ländlich geprägten
Gemeindehaus eine Gruppe von 3 bis 4 Konfirmanden bespasst, dann
ist dies sicherlich ebensowenig Evangelische Jugend wie das eine
einzelne minderjährige Mitglied in einem Bläserkreis. An
dieser Stelle kommen die schon eingangs angerissenen Qualitätsstandarts
wieder ins Spiel: Was zeichnet Evangelische Jugend aus? Welchen
Qualitäts-Maßstab setzt sie sich selbst und ab wann ist eine
Mitarbeit auch Förderungs- oder juleica-würdig?
Dennoch
möchte ich diesmal genau und gerade bei der Konfirmandenzeit
ansetzten, um die Thesen einzuleiten:
Jedes
mal, wenn an einer deutschen theologischen Fakultät wieder
einmal über den Sinn oder Unsinn von Kindertaufen diskutiert
und die Ehrlichkeit der Glaubens- und Erwachsenentaufe
unterstrichen wird (und es schade auch nicht, von anderen
Konfessionen und Denominationen zu lernen), wird zurecht auch
immer wieder auf den Schatz hingewiesen, den die volkskirchlich
geprägten Landeskirchen in unserem Lande noch haben: Es bietet
eine große Chance, dass jährlich noch round about 80% oder gar
mehr eines jeden Jahrganges zu jenen
„Konfirmandenunterricht“ (den man so nicht mehr nennen soll)
kommen. Die Motivation und die Motive mögen sehr
unterschiedlich sein, aber wann erreicht man schon so viele
Jugendliche eines Jahrganges auf einen Mal. Nur zum Vergleich:
die Jugendstudie pep ergab, dass die Evangelischen Jugenden nur
etwa 10-20% eines jeden Jahrganges erreichen. Und die letzte
Kirchenmitgliedsschaftsuntersuchung der EKD hat deutlich
gemacht, dass die Motivationen und Motive hinter den
volkskirchlichen Kasualien von Taufe und Konfirmation ehrwürdiger
sind, als von so manchen Kritikern immer schnell behauptet (der
Glaube an einen Gott ist in Westeuropa eben noch bei weitem
nicht ausgestorben).
Aber
eben jener Schatz will sorgsam be- und umhütet sein, denn die
Chance kann man auch schnell vergeigen. Findet eben keine
„Konfirmandenzeit“ sondern noch immer ein „altbackender
Unterricht“ statt, kehrt sich die Medaillie und man hat gleich
über 80% eines Jahrganges erfolgreich von der Kirche
verschreckt. Die Differenzierung von „Unterricht“ und
„Konfirmandenzeit“ soll dabei nicht heißen, dass man nicht
auch wieder auf die anderen alten – leider mancherorts
verlorengegangenen – Schätze eingehen sollte, wie z.B. die
intensivere Beschäftigung mit Bibel, best. Psalmen,
Bekenntnissen oder Katechismen. Aber die relativ neue Richtlinie
zur Konfirmandenzeit im Oldenburger Lande zielt auf das Verständnis
und den Umgang mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Sind
es die lärmenden ungebildeten Horden, die nur den
Sonntagsgottesdienst unnötig stören, dem Küster eine Menge
Dreck im Gemeindehaus hinterlassen und ansonsten nur das fünfte
Rad am Wagen spielen? Oder sind es Gäste – eben noch keine
vollen Kirchenmitglieder – sondern junge Mensche, die bei uns
in der Kirche zu Gast sind und unsere Formen von Glaube und
Spiritualität kennenlernen wollen? Sind wir gastfreundlich?
Haben die Konfis die Chance, Kirche von ihrer besten Seite als
Gast kennen zu lernen? Bieten wir die Möglichkeit, dass sie
auch gerne wiederkommen und in der Gemeinde bleiben, wenn ihre
„Konfer-Zeit“ vorbei ist?
Und
an dieser Stelle möchte ich zwei Thesen zur Jugendarbeit wagen,
die sich widersprechen oder ergänzen können:
-
Die
Jugendlichen der Evangelischen Jugend sind Gäste in unsere
Kirche.
-
Die
Jugendlichen der Evangelischen Jugend sind mehr als
vollwertige Mitglieder unserer Kirche.
Zur
ersten These:
Analog
zur Konfirmandenzeit könnte man auch die Jugendlichen, die sich
von den Aktionen und Angeboten der Evangelischen Jugend
angesprochen fühlen, als Gäste wahrnehmen. Jugendliche lernen
Kirche & Glaube „mal anders“ kennen, ob als
Pfadfinderinnen oder
Pfadfinder, in der Jungschar oder auf einer
Segelfreizeit. Jugendlich lernen Kirche & Glaube
„mal bunter“ kennen, ob im Jugendgottesdienst oder in
der Lobpreiszeit, in den vielfältigen Projekten oder im Schülerbibelkreis.
Und Jugendliche können erfahren, dass Kirche & Glauben auch
Spass machen kann und viel viel mehr ist, als der
(Zielgruppen-)Gottesdienst am Sonntag in der Frühe. Insbesonder
in den Gemeindegruppen, den Hauskreisen oder Jugendgruppen
spielt sich Gemeindeleben ab – „findet Kirche statt“.
Auch
hier stellt sich wieder die Frage: Haben die Jugendlichen, die
vielleicht von ihren Klassenkammeraden zum Jugendcafe
mitgeschleppt worden sind, die Chance – Kirche von ihrer
besten Seite kennenzulernen? Bieten wir den Rahmen, dass sie
gerne wiederkommen und auch in der Gemeinde aktiv und engagiert
bleiben, wenn sie aus ihrer Jungschar herauswachsen? Halten wir
überhaupt Angebote für ältere Jugendliche und jünge
Erwachsene und Familien vor? Wie sieht es mit einem Übergang
von der Konfirmandenzeit in die Jugendarbeit aus – und wie mit
einem Übergang von der Jugendarbeit in eine Erwachsenenarbeit?

Zur
zweiten These:
Welchen
Stellenwert hat die Jugend in unserer Kirche. Ist die
Jugendarbeit wie die Konfirmandenzeit ein Handlungsfeld, dass
die Gemeinde vor Ort bereit stellen sollte, könnte, müsste...?
Pflichtprogramm oder Kür? Sind die Jugendgruppen das fünfte
Rad am Wagen, eigendlich nur „die, die im Gemeindehaus-Keller
hausen“? Wie häufig beteiligen sich Jugendgruppen aktiv an
den Gemeindegottesdiensten, treten sie noch öfters in
Erscheinung als hin und wieder bei einem Gemeindefest? Gibt es
Jugendvertreter im Gemeindekirchenrat oder auch wirklich noch
„Jugendliche“ in den Mitarbeitendenkreisen der Gemeinde?
Mit
der These, dass Jugendliche mehr als vollwertige Mitglieder
unserer Kirche sind, möchte ich den Akzent auf das „mehr
als“ legen. Die einzelnen Jugendlichen mögen die Gäste sein,
denen wir mit aller Gastfreundschaft begegnen sollten – aber
die Struktur der Jugendarbeit – welcher Prägung auch immer
– sollte mehr als die übliche Wertschätzung zugutekommen:
Ich behaupte an dieser Stelle einmal, dass Jugendgruppen und
Kreise noch viel mehr sind, als eben nur eine Gemeindegruppe
neben vielen anderen. Sicherlich hat jede Gemeindegruppe ihre
Berechtigung und trägt mit ihrer spezifischen
Zielgruppenorientierung zur bunten Vielfalt von Gemeinde vor Ort
bei, dennoch meine ich, dass die Jugendarbeit als solche nicht
mit den anderen Gruppen gleichgesetzt oder denen gar eine
untergeordnete Rolle zugeschrieben werden darf.
Die
Jugendarbeit ist eben deutlich mehr als nur eine spezifische
Form von Gemeindeleben. Egal ob nun in der Jungschar, der
Kirchenband, im jungen Bläserkreis oder in der Pfadfindersippe
– Jugendliche stelle eine eigene Generation in der Kirche dar
– und zwar eine Generation, wie viel leichter und schneller
von Umstellungen und Veränderungen geprägt und durchsetzt ist
als die Generation der Erwachsenen oder Senioren einer Gemeinde.
Und gerade deshalb bedürfen sie einer besonderen Zuwendung und
Aufmerksamkeit. Aber mehr noch: Die Jugend ist nicht nur auch
„Kirche von heute.“ Sie ist insbesondere die „Kirche von
morgen“ – und in der hannoverschen Jugendkammer haben wir
gleich weiter formuliert: Die Jugend glaubt auch an eine Kirche
von morgen!
Auch
in der Kirche sind wir den Herausforderungen der
Generationenfrage gestellt. Und man darf die Evangelische Jugend
als „Zukunftsfaktor“ nicht unterschätzen.
Wer
in seiner Kindheit oder Jugend kaum einen Zugang zur Kirche
hatte, bedarf schon entweder ganz deutlicher Bekehrungen oder
ganz deutlicher Nöte im Erwachsenenalltag, um sich der Kirche
zuzuwenden. Wer sich aber schon als Jugendgruppenleiterin oder
als Betreuer auf einer Konfifreizeit engagiert hatte, ist
hingegen viel eher bereit, auch im späteren Berufsleben sich
hier und dort einzubringen – und wenn es nur das Kaffeekochen
und Kuchenbacken für ein Gemeindefest ist.
Das
gleiche spiegelt sich in den Zahlen des hauptamtlichen
Nachwuchsens wieder: Fast alle Theologiestudierende unseres
Landeskonventes hatten schon mit der kirchlichen Jugendarbeit zu
tun oder waren gar selbst als Leitende engagiert (oder sind es
noch immer), beim Nachwuchs in der Gemeindepädagogik trifft
dies geradezu 100% der Studierenden im Konvent zu.
Die
Jugendarbeit ist eine der zentralen „Ressourcen“ für eine
zukünftige Kirche und es steckt sicherlich mehr als nur ein
nettes Wortspiel dahinter, wenn man den Landesjugendpastor auch
schon mal mit dem Spitznamen „Zukunftsminister“ versieht.
Doch
welchen Stellenwert hat die Evangelische Jugend denn konkret –
sowohl vor Ort als auch darüber hinaus? Die Sicherstellung von
einer hauptamtlichen Grundversorung von Seiten der Landeskirche
ist eben genau dass, was schon mitklingt: Die nötige
Grundversorung. Aber welche Wertschätzung genießt diese
wichtige Ressource noch. Himmlische Fortbildungtage oder
Weihnachtsbälle für Jugendmitarbeitende sind tolle Ideen zur
Motivation und drücken den Dank für das reichhaltige
ehrenamtliche Engagement aus – doch wo und wie können die
Jugendlichen richtig mitbestimmen, mitreden und mitentscheiden?
Welchen Stellenwert genießt ein Landesjugendkonvent oder eine
Verbands-Bezirksversammung in unserer Landeskirche? Warum
entsendet die Jugendkammer keinen (berufenen) Delegierten in die
Landessynode, wie andererorts? Wo genau bleibt die Stimme der
Jugend in den Gemeindekirchenräten oder Kreissynoden? Wo genau
können diejenigen an der Gestaltung und Form der zukünftigen
Kirche mitwirken und mitentscheiden, denn eine „
Kirche von
morgen“ betrifft in aller erste Linie diejenigen, die heute in
der Evangelischen Jugend aktiv sind.
Mitreden,
mitmachen, mitgestalten! Du bist Oldenburg.NET!
Stefan
Bölts, Juni 2006
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