„Und sie bewegt sich doch…“[1]
- Bericht von der Herbstsynode am
24.&25.11.05 -
Auf
der 8. Tagung der 46. Synode der ev.-luth. Kirche in Oldenburg durften wir –
Stefan Bölts und Matthias Bruns – als eure Studentenvertreter feststellen, dass
Oldenburg ein Teil der Welt ist und sich daher ebenso bewegen muss wie jeder
andere auch. In diesem Sinne hat Hr. Dr. Wasserberg (OKR der EKD) den
sächsischen Bischof Noack zitiert: „Wir müssen lernen, fröhlich zu schrumpfen.“
Dabei geht es darum, nicht nur durch Sparmaßnahmen und Kürzungen das „Kleid der
Kirche enger zu nähen, sondern Fantasie ist gefragt, um ein völlig neues Kleid
zu entwerfen.“
Hiermit
hat schon das Grußwort aufgegriffen, dass die diesjährige Herbstsynode nicht
nur das Zahlenbalett des Haushalts zum Thema hatte, sondern auch schon einige
grundsätzliche Fragen nach einer zukünftigen Struktur debattiert worden sind.
Zum einen ging es dabei um das zukünftige Modell der Kirchenleitung; soll es
integrativ sein, d.h. mit einer aus Synodalausschuss und OKR fusionierter
gemeinsamer Kirchenleitung, oder soll die Gewaltenteilung zwischen Exekutive
(OKR) und Legislative (Synode) wie bisher bestehen bleiben? Zum anderen ist ja
bereits in den Medien die Frage nach der zukünftigen Verwaltungsstruktur ein
lebhafter Streitpunkt gewesen.
Zu
diesen beiden Themen hat die Steuerungsgruppe Beschlussvorlagen eingebracht. Im
Rahmen der Aussprache kam es dabei auch zur Diskussion über das Verständnis des
Bischofsamtes in Oldenburg. Einerseits wurde nach einer möglichen Richtlinienkompetenz
gefragt, andererseits stellte Pfr. Qualmann den derzeitigen Stand der
Kirchenordnung (KO) folgendermaßen überspitzt dar: „Der Bischof in Oldenburg
ist >>Nichts<<.“ Damit wollte er nur zum Ausdruck bringen, dass das
Bischofsamt nach aktueller KO „…kein eigenes Leitungsorgan ist, aber den
Vorsitz eines Leitungsorganes [OKR-Kollegium, Anm. d. V.] wahrnimmt.“ Das
Modell einer integrativen Kirchenleitung wurde deshalb so lebhaft diskutiert,
weil es unterschiedliche Auffassungen gibt, ob dadurch die Position der
Synodalen in der Kirchenleitung gegenüber dem aktuellen Modell des
Synodalausschusses geschwächt oder gestärkt werden würde.
Der
Synodale Thümler thematisierte in diesem Zusammenhang das Problem der zwei
Geschwindigkeiten: „Hauptamtliche sind immer schneller und besser informiert,
als Ehrenamtliche es je sein werden.“ Deswegen wird es (von Dienstwegen) immer
ein Informationsdefizit der Synodalen gegenüber dem OKR geben. Der
Synodenpräsident Heinsen verschärfte diesen Eindruck dahingehend, dass seiner
Meinung nach gewisse Informationen vom OKR in der Vergangenheit auch schon mal
selektiert vermittelt worden sind. Im Rahmen dieser engagierten Diskussion
wurde unterschwellig auch eine Anspannung zwischen den verschiedenen Ebenen der
Landeskirche erkennbar, was der Präsident folgendermaßen zum Ausdruck brachte:
„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen
Windmühlen.“
Zuvor
hatte OKR Schrader darum geworben, Probleme beim Namen zu nennen, weil dem OKR
zu Unrecht viele negative Dinge unterstellt werden würden. Er begrüßte den
Ansatz der Steuerungsgruppe, die schon länger im Untergrund schwelende Debatte
zu versachlichen. „In der [ev.] Kirche gilt Sola
Scriptura - und nicht Sola Structura.“
Der
Synodale Thümler brachte dies noch einmal dahingehend auf den Punkt, dass es
trotz einer gemeinsamen Geschichte mit einigen Anspannungen darum ginge,
zusammen in die Zukunft statt in die Vergangenheit zu schauen und die Schwächen
der derzeitigen KO abzuändern.
Um
auf das im Vorfeld diskutierte Thema der Verwaltungsreform einzugehen, wies der
Synodale Teetzmann bei der Vorstellung der o.g. Beschlussvorlage daraufhin,
dass die Kernaufgaben der Kirche Verkündigung, Mission und Diakonie seien und
die Verwaltung als unwichtigere Frage am Rande nicht zum Kern- und
Hauptstreitpunkt werden dürfe. Besonders bemerkenswert war die Tatsache, dass
die Feststellung der Verwaltungskosten nicht möglich war, weil in einigen
Bereichen die Mitarbeiter dahingehend „gemauert“ haben, dass der Dienstherr nicht
erfahren konnte, was die eigene Verwaltung kostet.
Ein
weiterer Schwerpunkt war natürlich auch die „intensive“ Beratung des
Haushaltsplanes für 2006. Diese Thematik wurde bereits im Gottesdienst zu
Beginn der Synode in der Predigt über den „unehrlichen Verwalter“ (Lk 16,1-9)
von Pfr. Tönjes sehr „klug und geschickt“ eingeleitet.
In
diesem Sinne wurde bei der Aussprache zum Bericht des Bischofs danach gefragt,
ob bei der Auszeichnung „Arbeit plus“ der EKD für Unternehmen, welche „durch
hervorragende Beschäftigungspolitik im Rahmen ihrer Möglichkeiten Arbeitsplätze
[ge]schaffen und erhalten [haben]“, auch Kirchen selbst als Arbeitgeber
vertreten waren.
Im
Rahmen der Aussprachen zum „Kirchengesetz zur Anwendung des Pfarrergesetzes“
(Vorlage 136) thematisierte Pfr. Dr. Gräbe die Problematik des Konsenses zur
Aufrechterhaltung eines Einstellungskorridors für den theologischen Nachwuchs
gegenüber einem absoluten Einstellungsstopps.
Zur Veranschaulichung verglich er diese Situation, als müsse man nach
erfolgreichem Abschluss des Führerscheines drei Jahre warten, bis man Auto
fahren dürfe. Dieses Gesetz sieht vor, dass die „Einstellung als Pfarrer auf
Probe […] frühestens drei Jahre nach Beendigung des Vorbereitungsdienstes
erfolgen [kann]“ und daraufhin weitere drei Jahre Probedienst bis zur festen
Einstellung erfolgen. Ebenso ist im Gesetz enthalten, dass zukünftig höchstens
zwei Personen pro Jahr übernommen werden, wie es OKR Pohlmann bereits in
Ahlhorn angekündigt hat. Auf diese Weise möchte die Synode trotz allgemeiner
Sparbemühungen, mit Hilfe eines eigens eingerichteten Rücklagefonds, das zwar
begrenzte, jedoch kontinuierliche Nachrücken jüngeren Nachwuchses
gewährleisten. Die eingebrachte Vorlage wurde schließlich von der Synode
beschlossen.
Im
Kontext der Grußworte der Gäste aus Togo und Ghana wurde deutlich, dass viele
Christen in der Welt gerne ihre Probleme mit den unsrigen tauschen würden.
Schade war, dass die angesprochene Thematik der Christenverfolgung (z.B. in
Togo) in der Synode keinen Platz der intensiven Beschäftigung mit den Gästen
aus Übersee gefunden hat.
Auch
der aktuelle „ökumenische Stress“[2]
wurde in der Weise skizziert, dass derzeit nur eine Komplementärökumene oder
eine Ökumene der Profile möglich sei. Bischof Krug malte es bildlich wie zwei
Parallelen, die sich irgendwo in der Unendlichkeit/Ewigkeit treffen, aus.
Neben
der ernsten Diskussion konnte man als Anekdoten wie „Herz Ass“[3]
auf dieser Tagung auch noch vom Bischof erfahren, dass er zum einen der NWZ
glaubt und zum anderen seiner Meinung nach für die derzeitigen Aufgaben
überzahlt werden würde (siehe obige Thematik über das Bischofsamt).
Außer
dem Bericht über die EKD-Synode (zur Kundgebung siehe www.EKD.de) wurde auch die Gesetzesverordnung über den Aufbau
eines Intranetzes („Kirchennetz“) zur Vernetzung der Pfarrämter und anderer
Institutionen (z.B. der Verwaltung) der ev.-luth. Kirche in Oldenburg positiv
verabschiedet; auch wenn die Verordnung selbst bereits seit dem 30.08.05 gilt.
Das
übergroße öffentliche Interesse an der Synode, welches sich durch die
übermäßige Inanspruchnahme der Gästeplätze zum Ausdruck brachte, dürfte sich
wohl in den beiden kommenden Tagungen der Synode noch vergrößern, weil dann das
höchste Organ unserer Kirche endlich die weit reichenden
Richtungsentscheidungen fällen darf - und muss. In den ersten Pausen wurde vor
allen Dingen auch der unglückliche Ausdruck des Präsidenten kritisch
reflektiert, dass die große Zahl der Gäste die „Atmosphäre“ der Synodentagung
beeinträchtigen würden (offen blieb, ob sich diese Aussage nur auf die
physische Luft bezog).
Im
übrigen wurden unsere beiden letzten Eingaben (zum Ehrenamt und zur
Dienstwohnungspflicht) an den Ausschuss für Gemeindedienst und Seelsorge
verwiesen. Die Initiative um Gemeindeaufbau- und Entwicklungsansätze als
Gegengewicht zum einseitigen Sparkurs der Kirche wird, nach Aussagen des
zuständigen Ausschussvorsitzenden, noch im Rahmen des laufenden Prozesses der
Steuerungsgruppe thematisiert werden, wenn es auch im Kontext um
Gemeindekonzeptionen und Pfarrstellenbewertungen gehen wird.
Während
auf dieser Tagung also zunächst festgestellt wurde, dass sich auch die
Oldenburger Kirche bewegt (bzw. bewegen muss, s.o.), wird sich wohl erst im Mai
die spannende und sehnsüchtig erwartete Antwort offenbaren, wie schnell und
wohin.
Rastede,
den 25.11.05
Stefan Bölts und Matthias Bruns