Wir
waren dabei!
Synodenbericht
zur Frühjahrssynode 2006 - 9. Tagung der 46. Synode
„Herzlich
willkommen in der neuen Kirche“, flüsterte uns eine Sitznachbarin herüber,
nachdem die Synode die nur leicht veränderte Beschlussvorlage XI mit nur 4
Enthaltungen einstimmig beschloss. Die insgesamt 11 Beschlussvorlagen der
Steuerungsgruppe
wurden für einen Aussenstehenden genauso rasch verabschiedet wie man das Tempo
sonst vornehmlich von den Haushaltsdebatten gewohnt war. Und allen elfen stimmte
die Synode (z.T. nur leicht variiert) zu, einigen sogar einstimmig ohne jede
Enthaltung. Nur wenige ernteten Gegenstimmen, darunter die Vorlage II. Es war diejenige, die
mit dem Stichwort „Regionalisierung“ überschrieben war. Und genau diese geänderte
Beschlussvorlage II war es auch, die „den großen Wurf“ zum Ausdruck
brachte, wie es Präsident Heinsen nannte. Statt in einem Zwischenschritt die
von der Steuerungsgruppe zunächst angedachten Regionen mit Regionalbeauftragten
und allem drum und dran als neue Ebene einzuführen, um dann langfristig in
einer zukünftigen Legislaturperiode der Landessynode eine Kirchenkreisreform
anzupacken, entschied sich die Synode mit eben jenen „großen Wurf“ gleich
auf die Vollen zu gehen: Mit deutlicher Mehrheit beschloss das höchste Organ
unserer Kirche ein Verfahren zu Bildung von 6 künftigen Kirchenkreisen
einzuleiten. Die von der Steuerungsgruppe gewünschte 2/3-Mehrheit als klares
Votum für eine solche Strukturveränderung wurde damit deutlich übertroffen.
„Ich
weiß nicht, ob die Synode weiß, was sie heute geleistet hat. [...] Aber
vielleicht können sie eines Tages sagen: Ich bin dabei gewesen. Ob das für sie
zum Vorteil ist, weiß ich nicht.“ Mit diesen Worten hatte Präsident Heinsen
den Synodalen am ersten Verhandlungstag für ihren Mut gedankt, auch schon die
Kirchenkreisreform mit ins Boot der anstehenden Strukturveränderungen zu holen.
Dennoch
kann man die weitreichenden Beschlüsse der Maisynode (18.-20.5.06) auch
ambivalent bewerten. Sicherlich ist es sehr sinnvoll, die Kirchenkreisreform
schon gleich mit aufzunehmen, anstatt in ein zwei Jahren erneut über
Strukturveränderungen debattieren zu müssen. Aus kybernetischer Sicht hätte
man das Kind aber auch bei dem neuen Namen „Region“ nennen können, um
zukunftsweisend schon allein mit einem anderen Namen neuen Chancen Tor und Tür
öffnen zu können. Das die neuen Kooperationsregionen nun wieder
Kirchenkreise heißen sollen birgt auch die Gefahr, dass die Fehler des alten
Systems unbemerkt eins zu eins auf größere Gebiete
übernommen werden.
Einem
potentiellen Fehler im System wurde zumindest schon einmal vorgebeugt: Anstatt
die Zukunft der regionalen Jugendarbeit weiterhin in die Sparzwänge der
Kirchenkreisen zu werfen hat die Landessynode bei nur einer Gegenstimme auch der
Strukturveränderung in der Jugendarbeit zugestimmt, so dass die
Jugendarbeit der Regionen nun gänzlich landeskirchliche Hoheit ist. Schon im
Vorfeld hatte auch der Landesjugendkonvent der Synode die Zustimmung in seiner
Stellungnahme empfohlen: „Die flächendeckende Absicherung hauptamtlich
begleiteter Jugendarbeit muss garantiert sein, wenn die Jugendarbeit nicht in
ganzen Regionen zum Erliegen kommen soll. Die Erfahrungen in den Kirchenkreisen
Butjadingen und Wilhelmshaven zeigen, dass die Kirchengemeinden allein nicht
dazu in der Lage sind. Daher ist eine landeskirchliche Absicherung der
hauptamtlichen Stellen [,,,]
notwendig.“
Aber
auch dieser Beschluss gibt Anlass zu ambivalenten Bewertungen, denn damit wurde
zugleich auch die Kürzung von 60 auf 40 Stellen in die Wege geleitet. Sparmaßnahmen
in allen Bereichen sind in diesen Tagen sicherlich unausweichlich, aber in den
Pausengesprächen haben wir erfahren, dass es auch hier auf die Nuancen ankommt:
Insbesondere wird die Stellenreduzierung wohl die Verbände eigener Prägung
treffen, die sich bisher dadurch auszeichneten, dass sie mit möglichst wenigen
hauptamtlichen Kräften überdurchschnittlich mehr Jugendliche erreichen
konnten, doch wenn diese wenigen Stellen drastisch gekürzt werden, sehen
Vertreter der Verbände auch die Funktionalität ehrenamtlicher
Verbandsstrukturen gefährdet. Konkret wird es wohl darauf hinauslaufen, dass
sich der Arbeitskreis Missionarische Dienste eine Stelle mit dem CVJM teilen
muss, bzw. sie jeweils nur noch eine halbe Stelle zur Verfügung haben. Der VCP
würde mit nur noch einer Stelle auskommen müssen und von einer hauptamtlichen
Begleitung der EC Arbeit (Jugendverband Entschieden für Christus) von Seiten
der Oldenburger Kirche hatte man ja schon zu „alten Zeiten“ nur träumen können.
Auch die Veränderungen in der Jugendarbeit bieten gleichermaßen Gefahren als
auch Chancen, durch die gestellten Herausforderungen neue Wege zu beschreiten.
Immerhin
sollen auch die 1990 beschlossenen „Leitlinien für den Dienst ehrenamtlicher
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ überarbeitet und (endlich) verbindlich
gemacht werden. Zugleich wurde empfohlen, dass sich neue 47. Synode im kommenden
Jahr schwerpunktmäßig mit dem Thema „Ehrenamtlichkeit“ befassen
sollte. In eben jene neu zu wählende Synode wird auch die von uns eingebachte
„Eingabe
Nr. 146 btr. Ehrenamt“ weitergeleitet, so dass sich die jetzige Synode
gem. „Bericht des Ausschusses für Gemeindedienst und Seelsorge“ nicht mehr
damit befassen wird. Aber der Vorsitzende der Steuerungsgruppe, Pfr. Qualmann,
befürchtet vermutlich auch zurecht, dass die 46. Synode mit dem bisher
aufgesparten Packet „Verwaltungsreform“ noch alle Hände voll zu haben wird.
Wenn man gehässig sein würde (man beachten den Konjuktiv), dann könnte man in
Rückblick auf die vergangenen Tagungen auch die These aufstellen, dass genau
dieses (in Blick auf die für November datierte nächste Synoden-Tagung
vorgezogene) Weihnachts-Packet auch die größte „Bescherung“ auslösen könnte.
Rückblickend klingen einem an dieser Stelle noch die Worte von Pfr. Tönjes in
den Ohren, dass die eigentlich die Verwaltung für die Kirche da sein sollte –
nicht umgekehrt. Und auch in den Vorstellungsreden zum neuen juristischen
Oberkirchenrat wurde gekonnt angemerkt: „Verwaltung ist nicht Gemeinde, was
sie abgeben, ist Technik, nicht Gemeindeleben.“ Und unser Bischof Peter Krug
soll nach EZ-Angaben (28.5.06) in der Pressekonferenz zumindest eine
optimistische Sicht der Dinge angestimmt haben: „Nun kann sich die Kriche
endlich wieder mehr auf die geistlichen Aufgaben konzentrieren.“ Die kommende
Herbstsynode hat ja die Chance zu zeigen, ob es sich in den Oldenburger Landen
tatsächlich auch so verhalten wird.
Aber
verlassen wir wieder den Konjunktiv, denn wir sind ja eben nicht gehässig,
sondern wollen uns konstruktiv und innovativ einbringen. Ganz in diesem Geiste
haben wir als Synodenbeobachter nämlich auch gleich die Chance am Schopf
gegriffen und haben einige Synodale und Gäste im Rahmen unserer neuen Kampagne „Du
bist Oldenburg.NET!“
interviewt. Wir haben auch eine kleine aber feine Ausbeute von Statements
erhalten und fleißige Antworten zu den Rubriken wie „Ich bin in der Kirche,
weil...“ bekommen. Mit Digicam bewaffnet haben wir dann auch gleich
Oldenburger Gesichter zu Oldenburger Statements festhalten können. Die
bisherigen Ergebnisse können auf der Kampagnen-Homepage www.Du-bist-Oldenburg.NET!
bestaunt werden. Aber es wurden uns auch noch Rückmeldungen von weiteren
Synodalen in Aussicht gestellt und Dank des Präsidiums konnten unsere Fragebögen
zu den Statements auch gleich nochmal allen Mitgliedern der Landessynode als
Tischvorlage zugehen.
Insgesamt
gesehen stieß unsere Kampagne bei vielen auf ein positives Echo und selbst dem
epd mussten wir ganz spontan in einem Interview Rede und Antwort stehen. Die
positive Ressonance rührte vermutlich aber auch daher, dass sich in der Kampagne
auch verschiedene Positionen wiederfinden konnten. Nach der Einbringungsrede
von Pfr. Qualmann zu den Beschlussvorlagen liegt der Steuerungsgruppe
sehr viel daran, dass möglichst Viele in den verschiedensden Ebenen und
Bereichen unserer Kirche bei den nötigen Veränderungen mitgenommen werden, und
passend dazu haben wir in unseren Kampagnenzielen
auch formuliert: „Gerade in Zeiten von Strukturreformen, Einsparungen und
manchen kontroversen Diskussionen wollen wir im Blick behalten wissen, dass wir
gemeinsam und zusammen aufgerufen sind [...] Kirch vor Ort mitzugestalten, so
dass die Kirche (wieder) mehr auf die Menschen zugeht und zum Glauben und
Mitmachen einlädt.“
Zum
anderen greifen wir mit unserer Kampagne aber auch den Wunsch einiger Synodalen
auf, nach zukünftfähigen und weiterreichenden Visionen
und Wegen zu fragen und zu suchen. Und genau hier liegt auch ein Kasus
Knacktus:
Der
hochgepriesene „große Wurf“ ist voraussichtlich gar nicht so groß, wie er
hätte sein müssen. „Der Auftrag der Steuerungsgruppe ist es,
Beschlussempfehlungen vorzulegen, wie bis 2010 die 12,5 Mio [Euro] eingespart
werden können“, hatte Qualmann im letzten Herbst auf einem Kreispfarrkonvent
auf die Frage nach den Zukunftsvisionen unserer Kirche geantwortet. Die
Steuerungsgruppe steht auch kurz davor, ihren „Auftrag“ pflichtbewusst und
erfolgreich zu erfüllen. Aber die Frage bleibt im Raume offen, wie die
Ev.-luth. Kirche in Oldenburg nach 2010 aussehen soll? Was sollen noch
2020 die Kernaufgaben der Kirche sein? Welche möglichen neuen Wege oder
Handlungsfelder erschließen sich? Wie soll „Gemeinde“ nach fünf bis zehn
Jahres aussehen? Welche Rolle spiele dabei Haupt-, Neben-, und Ehrenamtliche und
wie kann eine Alternative zur bisherigen Finanzierung kirchlicher Arbeit
aussehen? Die Kirchenkreisreform und die anderen bisher angedachten Veränderungen
unter dem Druck zurückgehender Kirchensteuereinnahmen streifen die Frage nach
den Visionen und mittelfristigen Nahzielen unserer Kirche nur peripher, und man
beachte, dass wir schon in vier Jahren „2010“ schreiben werden.
„Was
nach 2010 ist, interessiert die Oberkirchenratsbank nicht, denn dann sind sie ja
nicht mehr im Amt.“ Auf diesen Pausenkommentar muss man vielleicht gar nicht
erst näher eingehen, aber er verdeutlicht, dass wir es auch noch immer mit
einem speziellen „Kommunikationsproblem“ in unserer Kirche zu tun haben.
Solange ein „die da oben“ anstelle eines „wir
von der Kirche“-Denken vorherrschet, wird ein wirklich großer Wurf in
eine zukunftsfähige Kirchenform wohl noch auf sich warten lassen müssen (ganz
davon zu zweigen, dass die schon einmal problematisierte Mehrfachbelegung des
Begriffs „Oberkirchenrat“ auch zu einem pauschalen oder unkonkreten
Versteckspiel einlädt).
Zur
Koopertion zwischen Synode und Oberkirchenrat [gemeint ist hier wohl das
Kollegium] versprach auch der künftige Jurist in jenem Organ seinen Beitrag zu
leisten, als sich Wolfram Friedrichs der hohen Synode vorstellte. Der derzeitige
Kirchenverwaltungsoberrat der Vereinigten Kirchenkreise Dortmund (EKvW) wurde
mit 50 von 56 möglichen Stimmen zum Nachfolger von Oberkirchenrat Schrader gewählt,
obwohl oder gerade weil Friedrichs in seiner Vorstellung betonte, dass die
Kirche kein Wirtschaftsunternehmen sei und bereit sein müsse, ständig ihre
eigenen Strukturen zu überrpüfen, wenn sie lebensfähig sein will. „Soviel
Zustimmung erhält ein Oberkirchenrat vermutlich nur einmal, nämlich bei seiner
Wahl“, kommentierte ein Synodaler später leicht ironisch. Aber vielleicht
gelingt es dem künftigen neuen Gesicht „auf der Oberkirchenratsbank“ auch
tatsächlich, der wo auch immer begründeten Grundskepsis zwischen Synode und
Oberkirchenrat positiv entgegenzuwirken, denn aus den Reihen der Besucher wird
man sicherlich sagen dürfen, dass sich der bessere Kandidat auch durchgesetzt
hat.
Während
sich die Perspektivgruppe
tragischer Weise noch wegen der mangelnden Transparenz auch innerhalb der Synode
die Zähne ausbeißen musste, hat es die jetzige Steuerungsgruppe zumindest
verstanden, einen deutlichen Schritt in Richtung eines „wir von der
Kirche“-Denkens zu gehen. Das eingangs beschriebene erstaunlich schnelle
Durchwinken der Beschlussvorlagen war sicherlich auch das Ergebnis des von der
epd betitelte „Tagen[s] hinter verschlossenen Türen“. Und die
Arbeitsgruppen, die man gleich „synodale Ausschüsse“ nannte, um die Öffentlichkeit
auszuschleißen, ermöglichten vermutlich erst das schnelle und konzentrierte
Arbeiten. Aber es darf an dieser Stelle sicherlich nicht der Eindruck entstehen,
hier habe es wieder einfach nur Beschlüsse „von oben“ gegeben, denn die
Beteiligung anderer Kirchenebenen durch Voten und Stellungnahmen füllte die
Mappe mit den Synodenunterlagen ebenso, wie man es bisher nur von den
Haushaltsplänen gewohnt war. Dazu nahm der Synodale Qualmann auch in seiner Einbringungsrede
Bezug: „...Wir
hatten uns in unserer Kirche auf ein offenes Beteiligungsverfahren verständigt.
Das hat es der Steuerungsgruppe, die alle diesen Stellungnahen bearbeitet hat,
nicht einfacher gemacht. Aber es ist ein notwendiges Element für das, was
weiterhin vor uns liegt. Daher sagen wir auch allen, die diese Vorlagen -
ablehnend, kritisch oder zustimmend - beraten haben, unseren Dank..."
Dabei
lud Qualmann die Synode auch ein, zusammen mit der Steuerungsgruppe
„...den tausenden ehren-, neben- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern in unserer Kirche, in den Gemeinden, Werken und Einrichtungen und
Verwaltungen Dank zu sagen für ihre engagierte und motivierte Arbeit,
die sie unter nicht einfacher werdenden gesellschaftlichen und finanziellen
Bedingungen bei zugleich häufig steigendem Erwartungsdruck tun. Die Kirche lebt
allein aus der Zusage des Geistes Gottes, aber dieser gewinnt Gestalt in der
Begeisterung der Menschen, die, an welchem Ort auch immer, für die Weitergabe
der Menschenfreundlichkeit unseres Gottes eintreten.“
Dieser
Dank kann vermutlich nicht breit genug ins Oldenburger Land kommuniziert werden,
doch wir wollen an dieser Stelle unseren kleinen Beitrag dazu leisten, diese
Danksagung unter möglichst Vielen bekanntzugeben und laden gleichzeitig im
Sinne unserer Kampagne ein, jetzt erst recht mitzumachen, mitzureden
und Kirche – wo auch immer – zukunftsfähig mitzugestalten: Du
bist Oldenburg.NET!
Den
werten Kommilitonen seien an dieser Stelle noch abschließend bekanntzugeben:
Zu
unserer „Eingabe
145 betr. Dienstwohnungspflicht“ habe der Ausschuss für Gemeindedienst
und Seelsorge laut Bericht „einmütig festgestellt, dass im Grundatz die
Dienstwohnungspflicht für Gemeindepfarrer/innen bestehen bleiben müsse.“ Aus
den Reihen der Ausschussmitglieder wurde aber prompt ergänzt, dass es durchaus
kontroverse Diskussionen gegeben hat und weitere Beratungen folgen sollen. (Zur
Klarheit sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass wir in unserer Eingabe
die „Dienstwohnunspflicht“ von der „Residenzpflicht“ – also der
Erreichbarkeit vor Ort – unterschieden haben).
Von
dem Initiativantrag
zum Thema „Gemeindeaufbau-
& Entwicklung“ fehlt im Bericht des selben Ausschusses jede weitere
Spur – Schade. Hoffen wir nur, dass ein stärkeres Nachdenken und Handeln in
diesem Bereich nicht erst erkannt wird, wenn es keinen Gemeindedienst und keine
Seelsorge mehr im Oldenburger Lande gibt.
In
der Jugendkammer unserer großen niedersächsischen Schwesterkirche wurde zufällig
am Tag nach der 9. Tagung unserer 46. Synode formuliert: „Die Ev. Jugend ist
nicht nur die Zukunft der Kirche, sonder sie glaubt auch an eine Zukunft der
Kirche.“ Auch als Studierende können wir uns dieser Formulierung sicherlich
anschließen.
Du
bist Oldenburg.NET!
31.5.06,
Stefan Bölts
5/06 Bölts